Buchrezension: Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können von Ruprecht Polenz

Letzte Woche zwei Schlagzeilen im Tagesspiegel, direkt untereinander:
"Verdorrte Wiesen, wasserlose Flüsse, Dürren - so vertrocknet Europa"
"AFD erreicht Rekordvorsprung vor Union"

Wir stecken mitten in der Klimakatastrophe – und die Partei, die sie leugnet, wird immer beliebter. Da stellte sich mir unmittelbar die Frage: Sind wir als Gesellschaft eigentlich noch zu retten, oder haben wir kollektiv den Verstand verloren? Insofern spricht der Titel des neuen Buches des Politikers Ruprecht Polenz - Wie ein Volk den Verstand verliert - und was wir dagegen tun können - mir aus der Seele. Meine Neugierde war geweckt, und nachdem ich mit der Lektüre begonnen hatte, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen (Polenz, 2026).

Auf gerade einmal 150 Seiten thematisiert das schmale Buch nichts Geringeres als den Verlust einer gemeinsamen Wirklichkeit.

Nachdem in der Einleitung kurz anhand einiger historischer Beispiele gezeigt wird, wie Völker ihren Verstand verloren haben (Maos „Kulturrevolution", Nazideutschland, Hexenwahn), legt Teil 1 ausführlich dar, wie ein Volk den Verstand verliert.

Demokratie braucht den kritischen, informierten Diskurs. Die Informiertheit einer Gesellschaft hängt davon ab, dass alle sich auf allgemein anerkannte Tatsachen beziehen können. Diese gemeinsame Wirklichkeit geht verloren, wenn nicht mehr zwischen Meinung und Tatsache unterschieden werden kann.

Während ein Teil der Bevölkerung die derzeitigen Waldbrände und Hitzewellen als Symptome einer voranschreitenden Klimakatastrophe wahrnimmt, behauptet ein anderer Teil, dass es heiße Sommer schon immer gegeben habe, und empfiehlt spöttisch, man solle doch ins Schwimmbad gehen, um sich abzukühlen.

Ein zentraler Begriff, um den alles kreist, ist der des liberalen Wahrheitsregimes. Darunter verstehen wir die Regeln, Institutionen und Verfahren, auf die eine Gesellschaft sich geeinigt hat, um zu bestimmen, was als wahr oder falsch gilt. In liberalen Demokratien sind diese Regeln überprüfbar, das Wahrheitsregime ist plural und offen. Es beruht auf der Nutzung des eigenen Verstandes, dem aufgeklärten Dialog (kommunikativer Rationalität) und dem Respekt gegenüber Expertenwissen. Dabei wird betont, dass es keine endgültigen Wahrheiten gibt und dass Erkenntnisfortschritt sich immer in den Schritten des Rationalismus im Sinne von Karl Popper bewegt. Auf Seite 43 wird dies in wunderbar klarer Sprache zusammengefasst:

Gerade weil Wahrheit vorläufig ist, braucht sie Freiheit. Und gerade weil sie nicht beliebig ist, braucht sie Regeln. Wer dieses System verteidigt, verteidigt nicht einzelne Ergebnisse, sondern die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich selbst zu korrigieren. Wer es angreift, greift nicht bloß Eliten an, sondern die Grundlagen gemeinsamer Wirklichkeit.

Dieser Angriff auf die Grundlagen gemeinsamer Wirklichkeit ist es, was Ruprecht Polenz meint, wenn er davon spricht, dass ein Volk um seinen Verstand gebracht werden soll. Wer dies beabsichtigt, setzt genau hier an und bekämpft die Freiheiten, die zur Wahrheitsgewinnung unerlässlich sind.

Beispiele solcher Angriffe sind Donald Trumps Attacken auf die Pressefreiheit und die Wissenschaftsfreiheit, die Diffamierung der klassischen Medien durch die deutsche AfD als „Lügenpresse", die Einschüchterung von Journalisten, das Ziel, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen, und die Delegitimierung von Forschungsergebnissen.

Doch, wie Polenz darlegt, bleibt es nicht dabei. Wir erleben derzeit in verschiedenen Ländern auch Angriffe auf das (historische) Gedächtnis. So lässt Donald Trump die amerikanische Geschichte umschreiben und unternimmt alles, um das Wissen über „störende" Aspekte wie die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung und Rassismus auszulöschen. Die deutsche AfD wiederum vergleicht die Bundesrepublik mit der DDR und diffamiert Corona-Maßnahmen als Beleg für eine „Merkel-Diktatur". Mit der Umdeutung des Rufs aus der Wendezeit „Wir sind das Volk" schafft sie eine „gezielte Verwirrung", deren Methode sei: „Das Volk soll um seinen Verstand gebracht werden." (S. 60)

Auf Seite 56 findet sich der prägnante Satz:

Wer sein Gedächtnis verliert, wird orientierungslos.

Diese Mechanismen werden durch die heutigen sozialen Konzernmedien signifikant verstärkt. Deren selbstlernende Algorithmen stecken die User in „Informations-Zwangsjacken" (S. 65). Sie sorgen dafür, dass der Einzelne nur das zu sehen bekommt, was ihm gefällt, und nur noch Gleichgesinnte trifft, weshalb er sich mit seiner Meinung stets in der Mehrheit wähnt. Wir haben es hier mit einem algorithmenverstärkten Bestätigungsfehler (confirmation bias) zu tun.

Auf Seite 75 heißt es:

Massenpsychologische Prozesse und Hysterien vollziehen sich heute seltener durch Aufmärsche, sondern vor allem im Internet

Aber anders als im wirklichen Leben gibt es im Internet keine Polizei, die Schlimmeres verhindert.

Russische Desinformationskampagnen und Verschwörungsmythen vergiften darüber hinaus unser „politisches Wohlergehen" (S. 69), und Künstliche Intelligenz verschärft das Problem, indem sie dafür sorgt, dass eine Menge potenziell irreführender Inhalte im Netz die „intellektuelle Urteilsfähigkeit" überfordert (S. 89). Daher ist unser System der liberalen Wahrheitsfindung – das liberale Wahrheitsregime – in Gefahr.

Doch müssen wir uns als Bürger einer offenen Gesellschaft damit nicht abfinden. In Teil 2 stellt Ruprecht Polenz daher eine Reihe von Strategien vor, die uns helfen können, als Gesellschaft bei Verstand zu bleiben. Dabei geht es sowohl um Strategien, die jede und jeder von uns persönlich einsetzen kann, als auch um politische Maßnahmen.

Zu den individuellen Strategien zählt beispielsweise, dass man sich immer aus mehreren unterschiedlichen Quellen informieren sollte – am besten täglich und regelmäßig. Die Praxis des sich Informierens sollte man mit einer Disziplin betreiben, wie wir sie vom täglichen Sport kennen. Ein wichtiger Ratschlag ist auch (S. 107):

Lesen Sie bewusst Quellen, die Ihre Sicht nicht teilen.

Wichtig ist auch der Umgang mit Falschinformationen im Netz. Wenn eine solche in einer Erwiderung richtiggestellt werden soll, sollte man das sogenannte „Wahrheitssandwich" anwenden (S. 109), bei dem man zuerst die richtige Tatsache voranstellt, dann die Falschbehauptung bringt und anschließend die richtige Tatsache wiederholt. Auf diese Weise wird vermieden, dass bei der Richtigstellung letztlich nur die Falschbehauptung beim Gegenüber hängen bleibt.

Zu den politischen Maßnahmen, um unser liberales System der Wahrheitsfindung zu bewahren, zählen: der Schutz der Wissenschaftsfreiheit, die Regulierung sozialer Medien – möglicherweise angelehnt an das Beispiel von Medienstaatsvertrag und Rundfunkstaatsvertrag –, die Sicherung der Vielfalt des Informationsangebotes, die Bewahrung der Chancengleichheit, die Kennzeichnung von Werbung und der Jugendschutz.

Auf Seite 126:

Freiheit der Kommunikation entsteht nicht durch die Abwesenheit von Regeln, sondern durch strukturelle Vorgabe einer Architektur.

Durch solche Maßnahmen, sowie die Abkehr vom Geschäftsmodell der Aufmerksamkeits-Maximierung, könnte es gelingen, öffentliche digitale Räume zu fördern, wie es beispielhaft im Fediversum bei Mastodon – der Autor ist dort selbst aktiv unterwegs – realisiert ist. Dieses System basiert auf offenen Standards, Dezentralisierung und einer chronologischen statt algorithmischen Timeline.

Ein „digitaler Zivilschutz" (S. 135) sollte etabliert werden, mit dem wir als Gesellschaft zeitnah und transparent gegen Desinformationskampagnen vorgehen können.

Auf Seite 137:

Die offene Gesellschaft muss dort verteidigt werden, wo sie angegriffen wird: mitten in der öffentlichen Debatte.

Weitere Maßnahmen sind die Stärkung des Qualitätsjournalismus, einschließlich des Lokaljournalismus. Letzterer ist das beste Mittel gegen „kommunalpolitische Blindheit" (S. 141). Denn nur, wer weiß, was in seiner Gemeinde vor sich geht, kann sich auch kommunalpolitisch oder in Vereinen engagieren und so in den demokratischen Prozess einbringen.

Letztlich geht es auch darum, die Medienkompetenz zu stärken – und dies beginnt bereits in der Kita. Durch die Diversifizierung der Plattformen und Formate trägt heute jede und jeder eine publizistische Verantwortung, und daher muss bereits in der Schule damit begonnen werden, die „publizistische Mündigkeit" (S. 148) zu fördern.

Der Text ist gewissermaßen aphoristisch aufgebaut: In kleinen Abschnitten werden die hier skizzierten Grundgedanken präzise und prägnant dargelegt, die sich bei der Gesamtlektüre zu einer klaren Argumentationskette zusammenfügen.

Ein ausführlicher Anmerkungsapparat und ein kleines Glossar runden das in einer sehr klaren, einfach verständlichen Sprache geschriebene Buch ab.

Dieses Buch sollte gerade in diesem Wahljahr möglichst weite Verbreitung finden. Vielleicht hilft es, den einen oder anderen wieder zur Vernunft zu bringen, bevor er zur Wahlurne geht.