Der menschliche und der geologische Zeithorizont

Die Vergangenheit gleicht der Ferne; je weiter wir zurückblicken, desto mehr verliert unser Augenlicht an Kraft, und zuletzt würde es gänzlich in ihren Tiefen erlöschen, hätten nicht Geschichte und Chronologie gleichsam Leuchtfeuer und Fackeln an den finstersten Stellen aufgerichtet; doch ungeachtet dieser Lichter der schriftlichen Überlieferung, wie viele Ungewißheiten begegnen uns in den Tatsachen, sobald wir nur einige Jahrhunderte zurückgehen! wie viele Irrtümer über die wahren Ursachen der Begebenheiten! und welch tiefe Finsterniß umhüllt nicht jene ältesten Zeiten jenseits aller schriftlichen Überlieferung!

Georges-Louis Leclerc de Buffon (Mehr erfahren)

In der oberen Hälfte des Bildes sind Passfotos derselben Person aus unterschiedlichen Lebensphasen nebeneinander aufgereiht: von der Kindheit ganz links bis zum Alter des Mit-Fünfzigers rechts. In der unteren Bildhälfte sind Steine unterschiedlicher Klassen nebeneinander aufgereiht. Wie im Text beschrieben, steht jeder Stein für ein anderes Erdzeitalter.
Das Foto kontrastiert die Lebenszeit eines Menschen – festgehalten in Passfotos über wenige Jahrzehnte – mit der Zeit, die der Erde zur Verfügung steht, repräsentiert durch Gesteine unterschiedlichen Alters, deren Entwicklung sich in Jahrmillionen vollzieht. In der Zeit, in der ein Mensch altert und die Spuren dieses Prozesses immer deutlicher sichtbar werden, bleiben Steine unverändert. Ihre Entwicklung vollzieht sich in geologischen Zeiträumen, für die der Begriff „Tiefenzeit“ geprägt wurde. (Mehr erfahren)

Der auf dem Foto angedeutete Kontrast unterschiedlicher Zeitskalen – der menschlichen Zeitskala und der Zeitskala, auf der sich das „Leben“ von Gesteinen abspielt – soll einen Auftakt zum Thema dieses Textes geben. In diesem mehrteiligen Textbeitrag möchte ich mich schrittweise einem Verständnis der unterschiedlichen Zeitskalen nähern, auf denen sich – am einen Ende – das menschliche Leben und – am anderen Ende – die Geschichte der Erde als Ganzes abspielt.

In diesem Blogpost gebe ich zunächst eine kurze philosophische Einordnung des Themas. Im zweiten Blogpost befassen wir uns mit Landschaftsveränderungen in vorhistorischer und historischer Zeit. Im dritten Blogpost lernen wie Seen im Schwarzwald und den Vogesen als erdgeschichtliche Archive kennen. Über das Thema gab es am 19.06.2026 einen Vortrag im Atelier Klausenpfad in Heidelberg (deckt Inhalt der ersten drei Blogposts ab).

Hans Blumenbergs „Weltmißbefinden“

Unser Leben spielt sich unentrinnbar in der Zeit ab. Wir denken, sprechen, fühlen, bewegen – ja, wir existieren in diesem „Medium“ wie ein Fisch im Wasser. Wir können uns nicht aus der Zeit herausnehmen. Und dennoch „haben“ wir – als sterbliche Wesen – nur begrenzt Zeit.

Besser hat der Philosoph Hans Blumenberg (1920 – 1996) das ausgedrückt (Mehr erfahren):

Zeit ist das am meisten Unsrige und doch am wenigsten Verfügbare.

Hans Blumenberg spricht von einem „Weltmißbefinden“, wenn er folgende menschliche Ur-Erfahrung zu fassen versucht:

Innerhalb eines Menschenlebens ist nur ein winziger Teil dessen erlebbar, was die Welt insgesamt bereithält. Wenn wir geboren werden, ist die Welt schon da und vieles hat sich ohne unsere Beteiligung bereits ereignet. Wenn wir sterben, wird die Welt weiter existieren und nach uns Lebende werden Erfahrungen machen, die uns verwehrt bleiben. Nach Blumenbergs Urteil klafft seit dem Sündenfall – der Erkenntnis unserer Sterblichkeit – eine Kluft zwischen der „Lebenszeit“ – der begrenzten Zeitdauer eines menschlichen Lebens – und der „Weltzeit“ – der Zeit, die der Welt als Ganzes zur Verfügung steht. (Mehr erfahren)

Erinnerungshorizonte

Mit unserer persönlichen Erinnerung loten wir den Bereich innerhalb unseres Lebenszeit-Horizonts aus. Die Erinnerung trägt uns zurück bis zu einigen mehr oder weniger klaren Bildern aus unserer Kindheit, die wie „Leuchtfeuer“ am Rande einer Dunkelheit aufgestellt sind, in deren Tiefen sich irgendwo unsere Geburt ereignet haben muss. Doch je mehr wir versuchen, uns auf ein lang zurückliegendes Ereignis zu konzentrieren, desto mehr verschwimmt das Bild, das sich abzuzeichnen begann.

Ich denke zum Beispiel an einen Tag in meiner Kindheit, wir waren in den Bergen im Urlaub. Wir unternahmen einen Spaziergang in ein Nachbardorf unseres Ferienortes. Ich war damals vielleicht 4 Jahre alt. Ich sehe noch die Umrisse von Bauernhöfen mit ihren großen Dächern. Und ich sehe einen Holzstock, mit dem ich beim Gehen eine Linie in den Kiesweg kritzelte. Nur dieses Detail ist klar und deutlich erhalten geblieben. Genauer wird das Bild nicht. Meine persönliche Erinnerung stößt hier an eine Grenze.

Wenn Eltern mit ihren Kindern über weit zurückliegende Erlebnisse sprechen, erschafft das gemeinsame Sich Erinnern eine Geschichte dessen, was sich mutmaßlich einmal abgespielt hat. Diese Geschichte wird immer wieder von neuem erzählt und verändert. Persönliche und kollektive Erinnerung ergänzen sich, die Grenzen verfließen mitunter. Dokumente wie alte Briefe und Fotografien können Referenzpunkte sein, um diese Erzählung zu fixieren.

Eine interessante Perspektive ergibt sich aus der Zeitspanne, in der ein einzelner Mensch im Laufe seines Lebens durch direkte Generationenfolge mit anderen Menschen verbunden sein kann. Der isländische Schriftsteller Andri Snær Magnason hat diesen Zeithorizont in seinem Buch Wasser und Zeit eindrucksvoll dargestellt. Die Tochter des Schriftstellers kann noch eine persönliche Verbindung zu ihrer Urgroßmutter und (vielleicht später in ihrem Leben) zu ihrer zukünftigen Urenkelin herstellen – ein Zeitfenster von etwa 260 Jahren.

Das heißt, für einen einzelnen Menschen ist auf diese Weise eine Zeitspanne von einem Viertel Jahrtausend greifbar. (Mehr erfahren)

Das historische Gedächtnis der Menschheit umfasst einen weitaus längeren Zeitraum. Ein möglicher Bezugspunkt ist die Erfindung der Schrift. Die Keilschrift, die sich aus bildhaften Zeichen entwickelte, ist erstmals für das 4. Jahrtausend v. Chr belegt. Die Alphabetschrift entstand um etwa 1700 v. Chr. auf der Sinai-Halbinsel.

Menschliches Wissen wurde aber auch immer wieder von Generation zu Generation durch mündliche Überlieferung weiter getragen. So nutzten beispielsweise die Seefahrer im Pazifik bereits vor Jahrtausenden Navigationstechniken, die es ihnen ermöglichten, sicher zwischen den weit voneinander entfernten Inseln Mikronesiens und Polynesiens zu reisen. Diese Techniken basierten auf der Kenntnis der Auf- und Untergangszeiten von besonders hellen Sternen am Horizont und bezogen auch die Beobachtung von Vögeln, Meereswellen und Windmustern mit ein. Diese Fertigkeiten wurden mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Wir wissen nicht, seit wann. (Mehr erfahren)

Archäologische Funde legen Zeugnis ab von viel weiter zurück liegenden Epochen der Menschheit. Aber was die damaligen Menschen gedacht oder gar gefühlt haben mochten, lässt sich aus diesen Dokumenten, wenn überhaupt, nur sehr schwer erschließen.

Wie die persönliche Erinnerung, so verliert sich auch die Erinnerung der Menschheit als Ganzes tief in einer Dunkelheit, und unser Blick würde sich gänzlich verlieren, hätten – wie Buffon es so schön formulierte – „nicht Geschichte und Chronologie gleichsam Leuchtfeuer und Fackeln an den finstersten Stellen aufgerichtet“.

Die Zeit der Erde – der Abgrund der Zeit

Das heißt, auch für die Menschheit gibt es eine Zeit „davor“ und eine Zeit „danach“.

Es gab eine Zeit in der Erdvergangenheit, in der der Mensch als Art noch nicht existierte, und möglicherweise wird es eine Zeit geben, in der die Menschheit von der Erdoberfläche verschwunden sein wird.

Geologische Prozesse spielen sich auf jenen Zeitskalen ab, die hier in den Blick treten. Gebirge entstehen und werden wieder abgetragen, Kontinente verändern ihre Position. Aber diese Veränderungen vollziehen sich auf Zeitskalen jenseits unseres menschlichen Zeithorizontes – liegen also außerhalb des Bereiches, der unserem persönlichen, familiären oder auch unserem historischen Gedächtnis zugänglich ist.

Obwohl wir, als abstrakt denkende Wesen, heute ganz selbstverständlich mit dem Parameter Zeit in wissenschaftlichen Gleichungen umgehen, fällt es uns schwer, so langsame Prozesse wie die Entstehung und die Abtragung von Gebirgen in unser alltägliches Verständnis zu übertragen, eine Beziehung zu diesem Wissen aufzubauen.

Ich kann beobachten, wie jedes Mal bei einem Regenschauer die Erde ein klein wenig von einem Hang abgetragen wird oder wie bei einem Extremwetterereignis ein Erdrutsch eine Straße verschüttet. Ich kann versuchen, mir vorzustellen, was geschieht, wenn sich solche Ereignisse über Jahrtausende immer wieder vollziehen. Dennoch entziehen sich langfristige Prozesse wie die Veränderung eines Landschaftsreliefs einem tieferen Verständnis. Sie lassen sich weder durch Wahrnehmung, Erinnerung noch durch Überlieferung erschließen. Sie gehören der „tiefen Finsterniß“ an, von der Buffon sprach.

Er verwendete – wie andere Naturphilosophen der Aufklärung – Metaphern der Historiker, um die Evolution der Erde, die Erd-Geschichte, zu beschreiben. In seiner Theorie teilte er diese Geschichte in sieben Epochen ein, und in der letzten Epoche erscheint der Mensch.

Buffon formulierte diese Ideen zu einer Zeit, in der weite Kreise der Gesellschaft das Alter der Erde auf ungefähr 6000 Jahre schätzten – basierend auf biblischen Chronologien. Viele Naturphilosophen jener Zeit, die sich mit Gesteinsschichten oder Fossilien befassten, gingen aber bereits davon aus, dass es geologische Prozesse geben musste, die weitaus länger als ein paar wenige Jahrtausende dauerten – so auch Buffon.

Er entwickelte eine Theorie, wonach die Erde anfangs eine heiße, geschmolzene Kugel war. Mit den Gleichungen der Wärmelehre berechnete er, wie lange es gedauert haben musste, bis sich die Erde auf die heutige Temperatur abgekühlt hat. Auf seinem Gut in Montbard in Burgund experimentierte er mit erhitzten Metallkugeln, um Abkühlraten für Festkörper zu ermitteln. (Mehr erfahren) Basierend auf diesen Überlegungen und Experimenten schätzte er das Erdalter auf etwa 75.000 Jahre.

Interessant ist übrigens, dass Buffon als einer der ersten annahm, dass der Mensch eine Veränderung des Erdklimas bewirken könne. Da in seinem Modell von der Erde diese sich unaufhaltsam abkühlte, war es aus seiner Sicht aber – anders als es heute Konsens ist – begrüßenswert, dass die Menschen alles unternahmen, um dieser Abkühlung entgegenzuwirken – beispielsweise durch das Verbrennen von Kohle. (Mehr erfahren)

Die Entdeckung der Radioaktivität Ende des 19. Jahrhunderts ermöglichte die Entwicklung moderner Datierungsmethoden. Mit ihrer Hilfe wurde in den 1950er Jahren das Alter der Erde auf 4.54 Milliarden Jahre geschätzt. (Mehr erfahren) Das ist 60.000 mal länger als Buffon abgeschätzt hatte.

Mit diesem Wissen sehen wir uns den Naturphilosophen früherer Jahrhunderte weit überlegen. Aber die bloße Zahl mit 10 Stellen hilft nicht, diesen ungeheuren Zeitraum zu be-greifen. Hier sehen wir uns im wahrsten Sinne einem Abgrund zeitlicher Tiefe gegenüber, der bescheiden machen sollte.

Um die Herausforderungen zu betonen, die solche langen geologischen Zeiträume an uns stellen, hat sich der Begriff Tiefenzeit etabliert. Das Bestimmungswort „Tiefe“ hat eine poetische Dimension und verweist auf eine Sphäre, die dem menschlichen Begreifen entzogen ist.

Der Paläontologe Stephen Jay Gould stellt fest, dass wir Tiefenzeit nur als Metapher begreifen können (Mehr erfahren):

An abstract, intellectual understanding of deep time comes easily enough – I know how many zeroes to place after the 10 when I mean billions. Getting it into the gut is quite another matter. Deep time is so alien that we can really only comprehend it as metaphor.

Auf Deutsch:

Ein abstraktes, intellektuelles Verständnis der Tiefenzeit fällt leicht - ich weiß, wie viele Nullen ich nach der 10 schreiben muss, wenn ich Milliarden meine. Ein Gefühl dafür zu bekommen ist etwas ganz Anderes. Tiefenzeit ist so fremdartig, dass wir sie eigentlich nur als Metapher verstehen können.

Annäherung an die Tiefenzeit – die retrospektive Erzählweise

In diesem Text möchte ich mich einem Verständnis der Tiefenzeit schrittweise annähern. Es erscheint naheliegend, in einem populärwissenschaftlichen Text, der sich mit Kosmologie oder Erdgeschichte befasst, an einem mutmaßlichen Anfangspunkt, typischerweise dem Urknall, zu beginnen und sich von dort – aus der Vergangenheit heraus – bis zur Gegenwart vorzuarbeiten. Diese Erzählweise suggeriert einen allwissenden Erzähler, der die unermesslichen Zeiträume überblickt, um die es in dieser „Welterzählung“ geht.

Ich wähle stattdessen eine bescheidenere Perspektive, indem ich eine retrospektive Erzählweise nutze: Sie beginnt mit der uns vertrauten, menschlichen Zeitperspektive, führt uns schrittweise immer tiefer in die Vergangenheit, zu immer größeren Zeitskalen, in immer unbekannteres Terrain. (Mehr erfahren)

Aus dieser Perspektive werden bald erste – vergleichsweise schnell verlaufende – erdgeschichtliche Veränderungen wahrnehmbar: Vegetationswechsel, Flussverlagerungen oder die Entwicklung von Seen.

Diese Prozesse vollziehen sich aus menschlicher Sicht langsam – oft über Generationen hinweg nicht wahrnehmbar –, zeitigen aber bereits auf historischer Zeitskala sichtbare Veränderungen. Erst dann stauchen wir die Zeitskala schrittweise, so dass langfristigere Prozesse wie Gebirgsbildung oder Kontinentaldrift sichtbar werden.

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Das Naturdenkmal *Balzer Herrgott* im Südschwarzwald. Vor langer Zeit wurde an dieser Stelle im Südschwarzwald eine steinerne Christusstatue an einen Baum gelehnt, dort vergessen, und von dem größer werdenden Stamm im Laufe der Jahre langsam eingeschlossen. Der Baum wächst unaufhaltsam weiter, umschließt die Figur allmählich – eine Veränderung der Vegetation, die zwar langsam vor sich geht, aber innerhalb eines menschlichen Lebens wahrnehmbar ist. Menschliche Kunst hingegen besteht fort – über Jahrhunderte oder Jahrtausende hinweg – überdauert historische Zeiträume. Aber wenn wir die Zeitskala vergrößern und uns eine Tiefe der Zukunft von Millionen Jahren vorzustellen versuchen, so wird auch dieses steinerne Zeugnis menschlicher Präsenz verschwunden sein.

Ein historisch-literarischer Bezug – die Mummelsee-Episode bei Grimmelshausen

Um zunächst über Landschaftsveränderungen zu sprechen, die sich auf geologischen Zeitskalen relativ schnell ereignen, möchte ich die Geschichte der kleinen Gletscherkarseen im Schwarzwald und in den Vogesen erzählen. Diese Seen entstanden am Ende der letzten Eiszeit in Mulden, die von den zurückweichenden Gletschern geschaffen wurden. Diese Mulden werden als Kare bezeichnet, daher die Bezeichnung Gletscherkarsee. Zu einem von ihnen, dem Mummelsee, findet sich eine Referenz in der Weltliteratur:

Im Schelmenroman Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622 – 1676), veröffentlicht im Jahr 1668, begibt sich der Protagonist auf eine Wanderung zu diesem abgelegenen Ort, der im 17. Jahrhundert nur über einen beschwerlichen Fußmarsch erreichbar war. Um unsere Zeitreise aus den Sphären der historischen Erinnerung heraus zu beginnen, begeben wir uns gedanklich ins 17. Jahrhundert – in eine Zeit, die uns heutigen Menschen in vieler Hinsicht fremd ist. Es folgt ein kurzer Ausschnitt aus dem Simplicissimus.

Beachten Sie die aus heutiger Perspektive sehr ungewöhnliche Sprache – die wir, bis auf wenige Wörter, gleichwohl noch gut verstehen können. (Mehr erfahren)

Also wanderten wir miteinander über Berg und Thal / und kamen zu dem Mummelsee / ehe wir 6 Stund gegangen hatten / denn mein Petter war noch so käfermäßig und so wohl zu Fuß als ein Junger; Wir verzehrten daselbst was wir von Speiß und Trank mit uns genommen / dann der weite Weg und die Höhe des Bergs / auf welchem der See ligt / hatte uns hungrig und hellig gemacht; Nachdem wir sich aber erquickt / beschauete ich den See / und fand gleich etliche gezimmerte Höltzer darinn ligen / die ich und mein Knan for rudera deß Würtenbergischen Flosses hielten; ich nahm oder masse die Länge und Breite deß Wassers vermittelst der Geometriae, weil gar beschwerlich war umb den See zu gehen / und denselben mit Schritten oder Schuhen zu messen / und brachte seine Beschaffenheit vermittelst deß verjüngten Maßstabs in mein Schreibtäfelein / und als ich damit fertig / zumaln der Himmel durchauß hell / und die Luft gantz windstill / und wol temperirt war / wolte ich auch probiren was Wahrheit an der Sagmehr wäre / daß ein Ungewitter entstehe / wann man einen Stein in den See werffe; sintemal ich albereit die Hörsag / daß der See keine Forellen leide / am Mineralischen Geschmack deß Wassers wahr zu seyn befunden.

Der Text enthält einige interessante Details. Eines davon: Die Reste des württembergischen Floßes, die darauf hindeuten, dass der See damals, im 17. Jahrhundert, wohl doch nicht ganz so abgeschieden von jeder menschlichen Tätigkeit gewesen war als es auf den ersten Blick anmuten mag.

Das folgende Foto zeigt den Mummelsee Anfang des 21. Jahrhunderts. Er liegt heute an der viel befahrenen Schwarzwaldhochstraße und an seinem Ufer steht ein Hotel.

An einem Abend, ein See von einem Berg aus fotografiert, an dessen Ufer ein Hotel steht. In der Dämmerung ist alles in blaue Farbe getaucht, und aus den Hotelfenstern leuchtet das Licht. Der See liegt hoch oberhalb, so dass man hinter dem See weiter in die Tiefe und im Hintergrund auf den südlichen Schwarzwald schaut. Am Himmel ziehen Wolken auf, dennoch ist die Mondsichel sichtbar.
Der Mummelsee im Jahre 2006.

Der Mummelsee ist vielleicht der bekannteste, aber nicht der einzige Gletscherkarsee. Im Schwarzwald und in den Vogesen gibt es 30 solcher Seen. (Mehr erfahren)

Im folgenden Blogpost beschäftigen wir uns mit den Gletscherkarseen in Schwarzwald und Vogesen und ihrer Geschichte.