Im vorherigen Blogbeitrag haben wir die Gletscherkarseen in Schwarzwald und Vogesen und ihre Geschichte kennen gelernt. In diesem Blogpost lernen wir diese Orte als Landschaftsarchive kennen.
Landschaften bewahren in Form geologischer, biologischer und sedimentärer Spuren die Geschichte ihrer eigenen Entwicklung und lassen sich daher als erdgeschichtliche Archive lesen.
Pollendiagramme
Pflanzenpollen können als Botschafter aus der erdgeschichtlichen Vergangenheit angesehen werden. Wenn man im Frühjahr fotografiert, kann die Kamera nach kurzer Zeit im Freien mit Pflanzenpollen bedeckt sein.
Die Kamera des Naturfotografen ist im Frühjahr mitunter schnell von Blütenpollen bedeckt.
Durch ihr geringes Gewicht können Pflanzenpollen lange von der Luft getragen werden und dann auf die Erdoberfläche absinken, wo sie zusammen mit anderem Material abgelagert werden. Stehende Gewässer sind ideale Sammelbecken. Die winzigen Partikel fallen auf die Wasseroberfläche und sinken langsam zu Boden. In Seen und Mooren kann dieser Prozess langsam und ungestört ablaufen, sodass Jahr für Jahr eine neue Sedimentschicht auf dem Grund entstehen kann. Je tiefer die Schicht, desto älter ist das darin enthaltene Material. Das bedeutet, dass eine Sedimentschicht in einer bestimmten Tiefe Material enthält, das zu einer bestimmten Zeit in der Erdvergangenheit auf den Grund eines Sees gesunken ist
Schematische Darstellung eines Sees, in dem sich unterschiedliche Pflanzenpollen (hier durch Punkte unterschiedlicher Farbe dargestellt) ablagern. In den Seesedimenten bilden sich je nach Tiefe ganz unterschiedliche Pollengesellschaften, die ein Abbild der zur Zeit der Ablagerung vorherrschenden Vegetation sind.
Bei der Pollenanalyse macht man sich die Tatsache zunutze, dass Pollen sehr widerstandsfähig sind und über sehr lange Zeiträume erhalten bleiben.
Die Zusammensetzung der in einer Sedimentschicht gefundenen Pflanzenpollen erlaubt Rückschlüsse auf die Vegetation zur Zeit der Ablagerung. In diesem Sinne stellt diese Größe einen Proxy dar, der Informationen über Umweltbedingungen in der Vergangenheit liefert. (Mehr erfahren)
Eine Schwierigkeit besteht darin, dass Pollen über weite Entfernungen durch Winde transportiert werden können. Daher spiegelt die Verteilung der in einer Sedimentschicht gefundenen Pollen (das Pollenspektrum) nicht immer die lokale Vegetation wider. Es gilt jedoch die Faustregel: Je kleiner das stehende Gewässer, von dessen Grund man Pollenproben entnimmt, desto mehr entspricht das Pollenspektrum der lokalen Vegetation. (Mehr erfahren)
Die 8 noch existierenden Gletscherkarseen im Nordschwarzwald sind daher besonders wertvolle Landschaftsarchive, die präzise Pollenanalysen erlauben.
Der Altertumsforscher Manfred Rösch hat mit seinem Team pollenanalytische Untersuchungen am Herrenwieser See durchgeführt. In seiner Publikation finden Sie auch weitere Details zur Methode. (Mehr erfahren)
Datierungsmethoden
Es leuchtet ein: Je tiefer eine Sedimentschicht, desto älter ist sie. Wie kann man nun quantitativ bestimmen, wie alt eine Schicht ist? In den Erdwissenschaften gibt es verschiedene Datierungsmethoden für unterschiedliche Zeiträume.
Dendrochronologie
Die Dendrochronologie ermöglicht es uns, einige wenige Jahrtausende weit in die Vergangenheit vorzudringen. Diese Methode basiert auf der Analyse von Jahresringen von Bäumen. (Mehr erfahren)
Die Breite von Baumringen hängt von Umweltfaktoren wie Feuchtigkeit und Temperatur im jeweiligen Wachstumsjahr ab – und kann daher als Klima-Proxy angesehen werden.
Baumringe können darüber hinaus zur Datierung eingesetzt werden.
Jeder Baum bildet eine Abfolge von Jahresringen aus, die von den jeweiligen klimatischen Bedingungen geprägt ist. Bäume, die im selben Gebiet wachsen, unterliegen ähnlichen Umweltbedingungen, sodass ihre Ringmuster charakteristische Übereinstimmungen aufweisen
Ein Baumringmuster – also die Abfolge unterschiedlich breiter Jahresringe – ist daher typisch für eine bestimmte Region und Zeitspanne. So unterscheidet sich etwa das Ringmuster eines Baumes, der in Süddeutschland von 1750 bis 1850 gewachsen ist, deutlich von dem eines Baumes aus der Zeit von 1900 bis 2000, da sich die klimatischen Bedingungen verändert haben.
Prinzip der Dendrochronologie (im Text erklärt).
Durch Zusammensetzung der Ringmuster von Hölzern aus verschiedenen, sich teilweise überschneidenden Wachstumsperioden können Chronologien erstellt werden, die viele Jahrtausende in die Vergangenheit zurückreichen. (Mehr erfahren)
Die Dendrochronologie ermöglicht durch den Vergleich von Jahresringserien eine präzise Altersbestimmung von Holz. Diese Methode ist besonders wertvoll in der Archäologie und Bauforschung, da sie eine absolute Datierung von Holzartefakten ermöglicht.
Radiokarbonmethode
Viele Datierungstechniken in den Erdwissenschaften beruhen auf dem radioaktiven Zerfall. (Mehr erfahren)
Eine gängige Methode, um das Alter von organischen Materialien zu bestimmen, das Zehntausende von Jahren zurückreicht, ist die Radiokarbonmethode. Sie beruht auf dem radioaktiven Zerfall einer bestimmten Variante von Kohlenstoff, ${}^{14}\mathrm{C}$.
Verschiedene Varianten desselben chemischen Elementes werden präziser als Isotope bezeichnet. Sie unterscheiden sich nur im Atomkern, nicht jedoch in ihren chemischen Eigenschaften. Der Atomkern besteht aus Protonen (positiv geladen) und Neutronen (elektrisch neutral). Die Anzahl der Protonen bestimmt, um welches chemische Element es sich handelt (beispielsweise Kohlenstoff, Stickstoff oder Sauerstoff).
Isotope desselben Elements haben gleich viele Protonen, aber unterschiedlich viele Neutronen. Um Isotope zu kennzeichnen, schreibt man die Gesamtzahl der Kernbausteine (Protonen + Neutronen) als hochgestellte Zahl vor das Elementsymbol, beispielsweise ${}^{12}\mathrm{C}$ oder ${}^{14}\mathrm{C}$ für Kohlenstoff. (Mehr erfahren)
Die meisten Isotope sind stabil – ihre Atomkerne verändern sich nicht. Einige Isotope sind jedoch instabil (radioaktiv). Ihre Kerne zerfallen mit der Zeit und wandeln sich dabei in ein anderes Isotop um. (Mehr erfahren)
Das in der Natur am häufigsten vorkommende Kohlenstoffisotop ist ${}^{12}\mathrm{C}$ (6 Protonen + 6 Neutronen). Es ist stabil. Das Isotop ${}^{14}\mathrm{C}$ hingegen hat 6 Protonen + 8 Neutronen und ist instabil. In der Natur kommt es nur in winzigen Spuren vor: etwa $1.25 \cdot 10^{-10} %$ des gesamten Kohlenstoffs.
In der oberen Atmosphäre entsteht ${}^{14}\mathrm{C}$ fortwährend durch die Reaktion von Stickstoffatomen (${}^{14}\mathrm{N}$) mit Neutronen aus der kosmischen Strahlung. (Mehr erfahren)
Das neu gebildete ${}^{14}\mathrm{C}$ verbindet sich chemisch mit anderen Elementen, unter anderem mit Luftsauerstoff zum Gas Kohlendioxid ($\mathrm{CO_2}$) – auf dieselbe Weise wie das häufigere Isotop ${}^{12}\mathrm{C}$. ${}^{14}\mathrm{C}$ ist jedoch radioaktiv und zerfällt mit einer Halbwertszeit von etwa 5700 Jahren, das bedeutet: Wenn man eine sehr große Menge dieser Atomkerne betrachtet, hat sich nach dieser Zeit ist die Hälfte der ursprünglichen ${}^{14}\mathrm{C}$-Atome in Stickstoff ${}^{14}\mathrm{N}$ zurückverwandelt. (Mehr erfahren)
Da durch kosmische Strahlung einerseits immer neue ${}^{14}\mathrm{C}$-Kerne nachgebildet werden, diese aber mit einer bestimmten Rate wieder zerfallen, stellt sich ein Fließgleichgewicht ein, bei dem sich die Konzentration von ${}^{14}\mathrm{C}$ in der Atmosphäre auf einen konstanten Wert einpendelt.
Man kann sich ein Fließgleichgewicht durch die Analogie mit einer Badewanne veranschaulichen:
Fließgleichgewicht, bei dem sich eine konstante Konzentration von ${}^{14}\mathrm{C}$ in der Atmosphäre ausbildet.
Wir stellen uns eine Badewanne vor, in die oben mit konstanter Rate Wasser eingefüllt wird und aus der unten durch ein Loch Wasser ausfließt. Die Ausflussgeschwindigkeit an der Stelle des Loches hängt vom Wasserdruck und damit von der Wasserhöhe ab. Das Wasser steigt so lange, bis der Druck groß genug ist, damit die Ausflussrate (Ausflussmenge pro Zeit) gleich der Einfüllrate ist. Dann befindet sich das System in einem Fließgleichgewicht. Analog dazu stellt sich in der Atmosphäre eine konstante Konzentration von ${}^{14}\mathrm{C}$ ein, bei der die Produktionsrate (durch kosmische Strahlung) gleich der Zerfallsrate ist.
Da sich das in der Atmosphäre gebildete ${}^{14}\mathrm{C}$ so wie das „normale“ ${}^{12}\mathrm{C}$ mit Sauerstoff zu Kohlendioxid verbindet, enthält das Kohlendioxid in der Luft (entsprechend dem Fließgleichgewicht) eine geringe Menge an Molekülen, die ${}^{14}\mathrm{C}$ statt ${}^{12}\mathrm{C}$ beinhalten.
Pflanzen nehmen bei der Photosynthese Kohlenstoff aus der Luft auf – also auch das seltene ${}^{14}\mathrm{C}$.
Hierbei nutzen Pflanzen Lichtenergie der Sonne, um aus Kohlenstoffdioxid und Wasser organische Glucose zu bilden und gleichzeitig Sauerstoff freizusetzen. Während der Lebenszeit einer Pflanze – solange sie Photosynthese betreibt und dadurch im chemischen Austausch mit dem Kohlenstoff-Reservoir der Atmosphäre steht – wird im organischen Material (Zucker und andere Moleküle) in ihrem Gewebe daher eine bestimmte ${}^{14}\mathrm{C}$-Konzentration aufrechterhalten, die der Konzentration von ${}^{14}\mathrm{C}$ in der Atmosphäre entspricht.
In der oberen Atmosphäre wird ${}^{14}\mathrm{C}$ durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt als Kohlendioxid in den globalen Kohlenstoffkreislauf. Pflanzen bauen es während der Photosynthese in ihre organische Substanz ein, so dass lebendes Material die atmosphärische ${}^{14}\mathrm{C}$-Konzentration widerspiegelt.
Wenn eine Pflanze abstirbt und der Prozess der Photosynthese zum Erliegen kommt, beginnt die „Uhr“ zu „ticken“: Das radioaktive ${}^{14}\mathrm{C}$ zerfällt und sein Anteil in der Pflanze nimmt kontinuierlich ab, ohne dass neues ${}^{14}\mathrm{C}$ nachkommt. Wenn man nun den Anteil von ${}^{14}\mathrm{C}$ beispielsweise in einem alten Stück Holz, das in einem historischen Gebäude verbaut ist, untersucht, kann man daher Rückschlüsse auf das Alter des Gebäudes ziehen. Genauer: Man kann die Zeit ermitteln, die vergangen ist, seitdem der Baum gefällt wurde und somit aufgehört hat, durch Photosynthese in Wechselwirkung mit der Atmosphäre zu stehen. (Mehr erfahren)
Nach dem Absterben endet der Austausch mit dem Kohlenstoffreservoir der Atmosphäre; das im Pflanzenmaterial enthaltene ${}^{14}\mathrm{C}$ zerfällt kontinuierlich, ohne dass neues nachgebildet wird. Daher nimmt seine Konzentration mit dem Alter des Materials ab.
Man kann es auch so formulieren: Sobald das System Pflanze von seinem Austausch mit der Atmosphäre – dem Reservoir, in dem ständig neues ${}^{14}\mathrm{C}$ produziert wird – getrennt wird, verhalten sich die Radionuklide wie eine „Uhr“. Man kann die Analogie der Badewanne, bei dem der Zufluss in dem Moment gestoppt wird, in dem die Pflanze stirbt, leicht abändern in das Bild einer Sanduhr, deren oberes Fach aufgefüllt wurde und geschlossen wird. Von dem Moment an rinnt der Sand mit einer konstanten Rate durch die Öffnung, ohne dass im oberen Fach neuer Sand hinzukommt. (Mehr erfahren)
Die Radiokarbonmethode wurde beispielsweise angewandt, um das Alter der in den Ötztaler Alpen gefundenen Gletschermumie „Ötzi“ – ungefähr 5300 Jahre – zu bestimmen. (Mehr erfahren)
Es ist aber dennoch etwas komplizierter: Die ${}^{14}\mathrm{C}$-Konzentration in der Atmosphäre ist über längere Zeiträume betrachtet nicht stabil und nur annähernd konstant. Änderungen der Sonnenaktivität und in der kosmischen Strahlung können einen Einfluss auf die Rate haben, mit der ${}^{14}\mathrm{C}$ in der oberen Atmosphäre produziert wird. Eine reduzierte Sonnenaktivität führt zu einem erhöhten Fluss kosmischer Strahlung und damit zu einer höheren ${}^{14}\mathrm{C}$-Produktion. (Mehr erfahren)
Weitere Faktoren können die Konzentration dieses Isotops direkt beeinflussen. Dazu gehören Vulkanausbrüche und anthropogene Einträge von Kohlendioxid in die Atmosphäre. Entsprechend müssen Messungen der verbleibenden ${}^{14}\mathrm{C}$-Konzentration einer untersuchten Probe mithilfe anderer Datierungsmethoden kalibriert werden. (Mehr erfahren)
Pollendiagramme aus Sedimenten der Karseen im Nordschwarzwald
Nun schauen wir uns ein Pollendiagramm an, das aus den Sedimenten des Huzenbacher Sees gewonnen wurde. Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Manfred Rösch von der Universität Heidelberg, Institut für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie.
Pollendiagramm vom Huzenbacher See. Quelle: Rösch, Manfred and Tserendorj, Gegeensuvd (2011): Florengeschichtliche Beobachtungen im Nordschwarzwald (Südwestdeutschland), Hercynia N. F. 44, 53–71, URL: https://opendata.uni-halle.de/bitstream/1981185920/95375/1/hercynia_volume_44_2952.pdf. Eine andere Arbeit von Manfred Rösch beschreibt pollenanalytische Untersuchungen am Herrenwieser See und geht auf die Details der Methode noch genauer ein: Rösch, Manfred (2012): Vegetation und Waldnutzung im Nordschwarzwald während sechs Jahrtausenden anhand von Profundalkernen aus dem Herrenwieser See, Standort Wald 47, 43–64, URL: https://epic.awi.de/id/eprint/36566/24/Roesch_2012.pdf.
Die vertikale Achse repräsentiert die Tiefe der Sedimentprobe, die der Zeit entspricht (ermittelt durch Radiokarbondatierung), wobei sich die tiefsten und ältesten Ablagerungen unten und die flachsten oder jüngsten Ablagerungen oben befinden. Die Jahre v. Chr. (before Christ, BC) und n. Chr. (after Christ, AC) sind dort bereits angegeben.
Auf der horizontalen Achse sind von links nach rechts einzelne Pollendiagramme für verschiedene Pflanzenarten dargestellt. Die horizontale Achse jedes dieser Diagramme zeigt den prozentualen Anteil eines bestimmten Pollentyps in der Probe an. Jede Pflanzenart wird durch eine eigene separate Kurve repräsentiert. Üblicherweise werden ähnliche Muster im Diagramm gruppiert, wobei zuerst die Gehölztypen (Bäume) gezeigt werden, gefolgt von Sträuchern und Kräutern. Ganz links sind die Pollentypen in zwei Gruppen zusammengefasst: Nicht-Baumpollen (NBP) und Baumpollen (BP). (Mehr erfahren)
Aus dem Diagramm ergibt sich – vereinfacht – folgendes Bild für die Entwicklung der Vegetation rund um den Huzenbacher See seit dem Ende der letzten Eiszeit:
Im 9. Jahrtausend vor Christus war das Gebiet bereits vollständig bewaldet – vorwiegend mit Kiefern und Birken
Ab dem 8. Jahrtausend wurden diese Gehölze allmählich von der Hasel zurückgedrängt. Allmählich wanderten in den folgenden Jahrhunderten Ulmen und Eichen ein.
Im 6. Jahrtausend vor Christus war das Gebiet durch einen Eichenmischwald geprägt, in dem auch Linden und Eschen vertreten waren. In der Folge geht die Hasel kontinuierlich zurück.
Erst ab dem 4. Jahrtausend vor Christus finden sich in den Pollendiagrammen stark ansteigende Signale von Weißtanne und Rotbuche. Diese Gehölze bestimmen in den folgenden Jahrtausenden das Landschaftsbild.
Der Schwarzwald hatte zu Beginn des Holozäns also keineswegs das Erscheinungsbild, das ihm in geschichtlicher Zeit den Namen Silva Nigra verlieh. (Mehr erfahren)
Erst allmählich begannen sich die Gebiete nördlich der Alpen nach und nach mit den unterschiedlichsten Waldgesellschaften zu bevölkern. Bis vor ungefähr 6000 Jahren war der Schwarzwald ein Laubwald mit Eichen, Linden, Ulmen, Eschen, Ahornen, Haselnuss und Birke – wie es die zuvor vorgestellten Pollenanalysen bereits nahelegen. Ab dann begannen sich Tannen und Buchen dort anzusiedeln und die bisher das Landschaftsbild prägenden Holzarten teilweise zu verdrängen. (Mehr erfahren)
Wir sehen also, dass Landschaften keineswegs so stabil sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen, sondern eine dynamische Entwicklungsgeschichte aufweisen. Wer heute durch den Nordschwarzwald wandert, findet eine Landschaft vor, die von ausgedehnten, dunklen Nadelwäldern geprägt ist.
Der Glaswaldsee in der Morgendämmerung. Er ist umgeben von tiefem, dunklem Nadelwald. Doch wie wir aus Pollenanalysen schließen können, war das nicht immer so gewesen.
Folgende synoptische Darstellung zeigt Pollendiagramme von den 8 Gletscherkarseen im Nordschwarzwald (und zwei Hochmooren) im Vergleich. Hier werden die Pollenspektren nicht in einzelne Pflanzenarten aufgeschlüsselt, sondern es wird lediglich zwischen Nicht-Baumpollen (NBP) und Strauchpollen (StrP) (hierbei wird im Wesentlichen die Hasel berücksichtigt) unterschieden. Dieses „gröbere Raster“ wirkt wie ein Filter, mit dem bestimmte übergreifende Entwicklungen besser sichtbar gemacht werden können.
Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Manfred Rösch von der Universität Heidelberg, Institut für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie.
Vergleich der Pollendiagramme der 8 Gletscherkarseen im Nordschwarzwald sowie zweier Moore aus dem Gebiet Kaltenbronn. NBP steht für Nichtbaumpollen, StrP steht für Strauchpollen, vorwiegend Hasel (Corylus). Quelle: Rösch, Manfred and Tserendorj, Gegeensuvd (2011): Florengeschichtliche Beobachtungen im Nordschwarzwald (Südwestdeutschland), Hercynia N. F. 44, 53–71, URL: https://opendata.uni-halle.de/bitstream/1981185920/95375/1/hercynia_volume_44_2952.pdf.
In dieser Darstellung können wir Zeitspannen mit einem erhöhten NBP-Signal als Phasen der von Menschen verursachten Entwaldung interpretieren (durch rote Krese, sowie gelbe und rote Rechtecke hervorgehoben). Die Pollenspektren lassen sich somit dahingehend interpretieren, dass es einen menschlichen Einfluss in der Nähe der untersuchten Gewässer bereits in der Bronzezeit (zwischen 3800 und 3000 vor heute, rote Kreise), in der Eisenzeit (zwischen 2800 und 2000 vor heute, blaue Rechtecke) und dann, sehr deutlich ausgeprägt, beginnend mit dem frühen Mittelalter (gelbe Rechtecke) gab.
Der Botaniker und Geograph Burkhard Frenzel (1928 – 2010) weist darauf hin, dass der Schwarzwald sehr früh besiedelt war und dass auch an den entlegeneren Stellen auf den Bergen bereits früh Weidewirtschaft betrieben wurde, die mit Entwaldung einhergingen. (Mehr erfahren)
Die Waldrodungen hatten langfristig die Bildung von Hochmooren zur Folge, die noch heute an vielen Orten im Schwarzwald das Landschaftsbild prägen. Diese Moore werden auch Missenmoore genannt. (Mehr erfahren)
Die Zeitskala der vorgestellten Pollendiagramme von den Karseen im Nordschwarzwald reicht bis an das Anfang des Holozäns vor ungefähr 11.000 Jahren zurück. (Mehr erfahren)
Einfluss des Menschen
Wir haben gesehen, dass aus Pollendiagrammen Rückschlüsse auf menschliche Einflüsse gezogen werden können.
Ab jener Zeit spielte hierbei die Flößerei eine herausragende Rolle bei der Landschaftsentwicklung. In der am Ende des ersten Blogposts angesprochenen Mummelsee-Episode bemerkt Simplicissimus, dass im See „gleich etliche gezimmerte Höltzer darinn ligen / die ich und mein Knan for rudera deß Würtenbergischen Flosses hielten“.
Grimmelshausen gibt uns hiermit möglicherweise, unmittelbar nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, einen Hinweis auf das Gewerbe der Flößerei, und zwar an einem der zu seiner Zeit sehr abgelegen Orten. So stellt auch Fritz Fezer fest, dass sich an einigen der heute noch existenten Seen Spuren menschlicher Eingriffe finden: Stauanlagen, um das Wasser für die Flößerei zu schwellen und das Holz mit der Kraft des Wassers ins Tal zu transportieren. (Mehr erfahren)
Holz war wichtig für den Schiffbau, aber auch als Brennholz. Insbesondere im 18. Jahrhundert wurde dieser Rohstoff knapp, bedingt durch den Bevölkerungszuwachs und energieintensive Gewerbe wie die Glasherstellung. Daher artete die Flößerei zeitweise zu einem Raubbau an der Natur aus, der das Landschaftsbild signifikant verändert haben muss. Spätere Wiederaufforstungen führten dann zu einem Landschaftsbild, das in keiner Weise mehr mit einer ursprünglichen Naturlandschaft vergleichbar war. (Mehr erfahren)
Zur Veränderung dieser Landschaftsmerkmale durch den Menschen – und einem veränderten Verhältnis des Menschen zur Landschaft – schreibt Fritz Fezer im Jahre 1957: (Mehr erfahren)
Auch zu den Seen hat sich das Verhältnis der Menschen gewandelt. Noch im 17. Jahrhundert wurde der herrliche Ellbachsee zur Gewinnung von einigen Ar schlechter Wiese abgelassen und der Wildsee im 18. Jahrhundert als Schwellweiher für die Flößerei verwendet (...), ebenso der Buhlbachsee (...), wahrscheinlich stammen auch die Staumauern des Huzenbacher und Glaswaldsees aus dieser Zeit. Erst in diesem Jahrhundert sah man die Seen nicht nur vom wirtschaftlichen Standpunkt aus an; am Wildsee hat man ihn sogar ganz zurückgestellt. Auch der Buhlbachsee soll wieder aufgestaut werden, um Fremde anzuziehen. Bei langsamem Aufstauen könnte man auch den Ellbachsee wieder herstellen, ohne die Flora zu vernichten. Dieser Prototyp eines Kars mit seiner wuchtigen Schönheit verdient den Naturschutz unbedingt.
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Proxy stammt aus dem Englischen und bedeutet Stellvertreter. Klimaproxies sind indirekte Indikatoren für vergangene Klimazustände und ermöglichen Rückschlüsse auf Temperatur-, Niederschlags- und Vegetationsbedingungen, wenn direkte Messungen nicht zur Verfügung stehen.
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Man könnte nun annehmen, dass der Prozentanteil einer Pollenart in einer Sedimentschicht linear mit der Häufigkeit von Pflanzenarten korreliert. Es ist jedoch etwas komplizierter.
Es hat sich jedoch folgendes gezeigt: Die Ablagerung von Pollen in Sedimenten (Häufigkeit und räumliche Verbreitung) hängt von Pollengewicht, Ausbreitungsfähigkeit und Verbreitungsmechanismus – und damit von der Pflanzenart – ab. Beispielsweise werden Pollen von windbestäubten Arten (Birke, Kiefer) überproportional in Sedimenten abgelagert, während insektenbestäubte Arten (viele Kräuter) unterrepräsentiert sind. Die Folge: Pollenanteile im Sediment spiegeln nicht die tatsächliche Häufigkeit der Pflanzen wider.
In einem Pollenspektrum werden Pollenanteile als Prozentwerte angegeben, wobei die Summe immer 100 % ergeben muss. Wenn eine Art überrepräsentiert ist (beispielsweise Birke durch hohe Pollenproduktion), verzerrt dies automatisch die Anteile aller anderen Arten – selbst wenn deren Pollenproduktion gleich bleibt. Man spricht vom Fagerlind-Effekt. Dadurch kann die Beziehung zwischen Pollenanteil und Vegetationsdichte verfälscht werden, was zu einer verzerrten Abbildung der realen Pflanzendichte führt.
Gelöst wird dieses Problem durch:
Die Nutzung absoluter Pollenzahlen (Pollen Flux Densities), um die prozentuale Abhängigkeitsverzerrung zu umgehen
die Anwendung von Korrekturfaktoren wie Extended R Values (ERV), um die unterschiedliche Pollenproduktion zu berücksichtigen
modellbasierte Ansätze, die beide Effekte gleichzeitig korrigieren
Vgl. Bradley, Raymond S. (2015): Paleoclimatology: Reconstructing Climates of the Quaternary, 3rd Edition, Academic Press, San Diego, CA, ISBN: 978-0-12-386913-5, S. 412.
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Vgl. Rösch, Manfred (2012): Vegetation und Waldnutzung im Nordschwarzwald während sechs Jahrtausenden anhand von Profundalkernen aus dem Herrenwieser See. In: Standort Wald 47, S. 43–64
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*Dendrochronologie* leitet sich aus dem Griechischen ab: *dendron* bedeutet Baum und *kronos* bedeutet Zeit.
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Die am weitesten in die Vergangenheit zurück reichende Chronologie, die mit dieser Methode erstellt wurde, ist der Hohenheimer Jahrringkalender, der den Zeitraum von 10.461 v. Chr. bis heute lückenlos abdeckt. Diese Chronologie ist ein Projekt des Institutes für Botanik an der Universität Hohenheim in Stuttgart.
Vgl.
Für detaillierte Einführung in die Dendrochronologie, vgl. Bradley, Raymond S. (2015): Paleoclimatology: Reconstructing Climates of the Quaternary, 3rd Edition, Academic Press, Oxford, Amsterdam, Waltham MA, San Diego, CA, ISBN: 978-0-12-386913-5, Kapitel 13.
×Der radioaktive Zerfall ist eine Eigenschaft der Materie, die weitgehend unabhängig von chemischen Prozessen und anderen Veränderungen ist, denen das Material unterworfen ist. Energien, die bei Änderungen des Atomkerns bei einem Zerfall involviert sind, sind ungefähr 1 Million mal höher als solche, die bei chemischen Reaktionen eine Rolle spielen, und ungefähr 10.000 bis 100.000 mal höher als die Energien, die die Elektronen an den Kern binden. Der Atomkern, der um Größenordnungen kleiner als das Atom ist, ist daher weitgehend von der Chemie entkoppelt. Daher eigenen sich Systeme mit Radionukliden (instabilen und daher radioaktiven Atomkernen) gut als geologische Uhren.
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Um zu verstehen, was ein Isotop ist, müssen wir uns den atomaren Aufbau der Materie vergegenwärtigen. Atome derselben „Sorte“ gehören zu einem chemischen Element, wie zum Beispiel Stickstoff, Kohlenstoff oder Schwefel. Ein Element hat ganz bestimmte stoffliche Eigenschaften (wie beispielsweise den Schmelzpunkt) und chemische Eigenschaften (die Fähigkeit, sich mit anderen Elementen zu neuen Stoffen zu verbinden).
Auf atomarer Ebene lassen sich die chemischen Eigenschaften als Bindungseigenschaften verstehen. Atome können sich mit anderen Atomen, die demselben oder einem anderen Element angehören, zu größeren Gebilden – Molekülen – verbinden.
Moleküle können wiederum völlig andere Eigenschaften haben aus ihre Ausgangsprodukte. Daher gilt: Obwohl es in der Natur nur 94 Elemente gibt, kennen wir viel mehr „Stoffe“.
Beispiel: Zwei Sauerstoffatome können sich mit einem Kohlenstoffatom zu einem Kohlendioxid-Molekül verbinden. Sauerstoff ist bei Zimmertemperatur ein durchsichtiges Gas, das wir zum Atmen benötigen, und Kohlenstoff ist bei Zimmertemperatur ein Feststoff. Kohlendioxid dahingegen ist bei Zimmertemperatur wiederum ein Gas. Die Erforschung der Bindungsfähigkeiten von Atomen ist das Feld der Chemie.
Atome bestehen aus einem kompakten Kern (der positiv geladene Protonen und elektrisch neutrale Neutronen enthält) und einer Hülle, die die (negativ geladenen) Elektronen enthält. Warum eine solche Struktur stabil ist, kann nur verstanden werden, wenn dieses System im Rahmen der Quantenmechanik behandelt wird (was außerhalb des Rahmens dieses Blogposts liegt).
Die Elektronenhülle bestimmt die chemischen Bindungseigenschaften des Atoms. Daher ist das chemische Element durch die Anzahl der Elektronen gegeben. Diese ist gleich der Anzahl der Protonen im Kern – nur so ist das Atom elektrisch neutral. Ein Atom des Elementes Kohlenstoff hat 6 Protonen und 6 Elektronen. Nun gibt es für ein Atom eines Elementes aber unterschiedliche Varianten, die sich in der Anzahl der Neutronen unterscheiden.
Diese Varianten werden Isotope genannt. Isotop leitet sich aus dem Griechischen ab: isos steht für gleich und topos steht für Ort, womit „am gleichen Ort“ im Periodensystem der Elemente gemeint ist. Unterschiedliche Isotope desselben chemischen Elementes unterscheiden sich im Atomkern (sie haben ein leicht unterschiedliches Kerngewicht wegen der unterschiedlichen Anzahl der Neutronen), verhalten sich chemisch aber weitgehend gleich.
Das am häufigsten vorkommende Kohlenstoffisotop besitzt 6 Protonen und 6 Neutronen, hat also insgesamt 12 Kernbestandteile (Nukleonen). Die Schreibweise dafür ist ${}^{12}\mathrm{C}$. In geringen Mengen gibt es in der Natur aber noch das Isotop ${}^{13}\mathrm{C}$, das 7 statt 6 Neutronen (also insgesamt 13 Kernbausteine) hat. Es verhält sich chemisch weitgehend identisch wie ${}^{12}\mathrm{C}$, verbindet sich also auf dieselbe Weise mit Sauerstoff zu Kohlendioxid.
Die einschränkende Bestimmung „weitgehend“ muss deshalb hinzugefügt werden, weil Isotope desselben Elementes aufgrund der unterschiedlichen Anzahl an Nukleonen sich geringfügig im Gewicht unterscheiden und dadurch gewisse chemische Prozesse mit einer Isotopen-Fraktionierung einhergehen. Das heißt: Der chemische Prozess ist derselbe, läuft aber für unterschiedliche Isotope mit einer unterschiedlichen Häufigkeit ab.
Isotopenfraktionierung kann auch bei physikalischen Prozessen auftreten. Beispielsweise hat das Sauerstoffisotop ${}^{18}\mathrm{O}$ ein leicht höheres Gewicht als das Isotop ${}^{16}\mathrm{O}$. Daher verdunsten Wassermoleküle, die ${}^{18}\mathrm{O}$ enthalten, langsamer als solche, die ${}^{16}\mathrm{O}$ enthalten. Dies ist ein wichtiger Punkt, wenn wir uns in einem späteren Blogbeitrag detaillierter mit dem Thema Klimaproxies befassen.
Vgl. Lunine, Jonathan I. (2013): Earth: Evolution of a Habitable World, 2nd edition, Cambridge University Press, ISBN: 978-0521615198, S. 55
Folgende Grafik zeigt einen Ausschnitt aus dem Periodensystem der Elemente mit den Elementen Kohlenstoff (C), Stickstoff (N) und Sauerstoff (O).
Ausschnitt aus dem Periodensystem der Elemente mit den Elementen Kohlenstoff (C), Stickstoff (N) und Sauerstoff (O).
In der Abbildung sind die natürlich vorkommenden Isotope der drei Elemente Kohlenstoff (C), Stickstoff (N) und Sauerstoff (O) eingezeichnet. Die Farben sollen verdeutlichen, welche der Isotope gleiche chemische Eigenschaften haben, mit anderen Worten, demselben Element angehören.
Zwei der Isotope auf dem Bild sind instabil und zerfallen nach einer gewissen Zeit in das Isotop eines anderen Elementes: ${}^{14}\mathrm{C}$ und ${}^{13}\mathrm{N}$.
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Es gibt stabile und nicht stabile Isotope eines Elements. Nicht stabile Isotope sind radioaktiv, das heißt, der Atomkern zerfällt nach einer gewissen Zeit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, wobei sich das Isotop in ein anderes Isotop (in den meisten Fällen eines anderen Elements) umwandelt.
Das in der Natur vorkommende Kohlenstoffisotop ${}^{14}\mathrm{C}$ ist so aufgebaut, dass sein Atomkern aus 8 Neutronen und (wie alle Kohlenstoffisotope) 6 Protonen – also insgesamt 14 Nukleonen – besteht. ${}^{14}\mathrm{C}$-Atomkerne sind radioaktiv; d.h. sie zerfallen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit und wandeln sich dabei in einen anderen Kern um (in das Stickstoff-Isotop ${}^{14}\mathrm{N}$). Für einen einzelnen Atomkern können wir nie genau wissen, wann er zerfällt. Das kann in der nächsten Sekunde, oder erst in Millionen von Jahren sein. Wir wissen aber für ein bestimmtes radioaktives Isotop sehr genau, in welcher Zeit von einer sehr großen Menge davon die Hälfte zerfallen ist. Das ist die Halbwertszeit. Diese Größe unterschiedet sich von Isotop zu Isotop und kann Sekunden oder auch Jahrmilliarden betragen. Sie ist durch die quantenmechanischen Eigenschaften des Atomkerns festgelegt. Die Halbwertszeit ist darüber hinaus völlig unabhängig von Umgebungseigenschaften des Kerns wie Druck, Temperatur oder auch der chemischen Umgebung (in welchem Molekül der Kern eingebaut ist).
Aus diesem Grunde eignet sich der radioaktive Zerfall sehr gut als „geologische Uhr“: Eine Uhr ist ganz allgemein System, bei dem sich eine Veränderung mit einer bekannten konstanten Rate vollzieht – in diesem Falle die Umwandlung eines Isotopes in ein anders.
Das Isotop ${}^{14}\mathrm{C}$ hat eine Halbwertszeit von 5700 Jahren und eignet sich als geologische Uhr für Zeiträume von bis zu mehreren Zehntausend Jahren. Bei älteren archäologischen Dokumenten ist die Menge des verbliebenen radioaktiven Ausgangsmaterials zwar nicht Null, aber so gering, dass sie nicht mehr messbar ist.
Andere radioaktive Isotope mit viel längeren Halbwertszeiten – wie zum Beispiel ${}^{238}\mathrm{U}$ (Halbwertszeit: 4,47 Milliarden Jahre) oder ${}^{40}\mathrm{K}$ (Halbwertszeit: 1,25 Milliarden Jahre) – können verwendet werden, um Gestein zu datieren, das Millionen oder Milliarden Jahre alt ist.
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Durch die Kernreaktion ${}^{14}\mathrm{N} + n \rightarrow {}^{14}\mathrm{C} + p$ (oder kürzer: $^{14}\mathrm{N}(n,p)^{14}\mathrm{C}$) wird ein ${}^{14}\mathrm{N}$-Kern durch ein Neutron aus der kosmischen Strahlung unter Abgabe eines Protons in ${}^{14}\mathrm{C}$ überführt.
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Durch die Kernreaktion ${}^{14}\mathrm{C} \rightarrow {}^{14}\mathrm{N} + e^- + \bar{\nu}_e$. Man spricht vom Beta-Minus-Zerfall, bei dem ein Neutron im Ausgangskern zu einem Proton wird.
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Für die Entdeckung und Entwicklung dieser Methode hat der amerikanische Chemiker Willard Libby (1908 – 1980) im Jahre 1960 den Nobelpreis für Chemie bekommen. Seine Rede anlässlich der Nobelpreisverleihung enthält weitere Details zur Geschichte der Entdeckung und zur Methode.
Vgl.
Zur Ermittlung des in der Probe noch vorhandenen Anteils an ${}^{14}\mathrm{C}$ gibt es verschiedene Techniken. Libby bestimmte die Aktivität des in radioaktiven ${}^{14}\mathrm{C}$ in einem Zählrohr. Wegen der geringen Aktivität von ${}^{14}\mathrm{C}$ sind für diese Technik aber große Probemengen nötig, wenn man für mehrere Tausend Jahre alte Proben noch eine messbare Aktivität erhalten möchte. Außerdem muss das Zählrohr gegenüber anderen Strahlungsquellen (beispielsweise der kosmischen Strahlung) sehr gut abgeschirmt werden. Eine weitaus genauere Methode ist die Massenspektrometrie, mit der Isotopenverhältnisse direkt gemessen werden können.
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Zur Produktion von ${}^{14}\mathrm{C}$ muss präzisiert werden:
Die geladenen Teilchen der kosmischen Strahlung (vor allem Protonen) erzeugen in der oberen Atmosphäre durch Kollisionen mit Luftmolekülen sekundäre Neutronen. Diese Neutronen reagieren mit ${}^{14}\mathrm{N}$ und erzeugen dabei ${}^{14}\mathrm{C}$.
Die Intensität der kosmischen Strahlung (und damit die Anzahl der verfügbaren sekundären Neutronen) hängt von mehreren externen Faktoren ab.
Der Sonnenwind ist ein Strom von der Sonne ausgestoßener Teilchen. Weil er geladene Teilchen (Protonen und Elektronen) enthält, trägt er das interplanetare Magnetfeld mit sich. Die kosmische Strahlung enthält ebenfalls geladene Teilchen, die mit dem interplanetaren Magnetfeld wechselwirken und durch es abgelenkt werden. Eine hohe Sonnenaktivität führt zu einem stärkeren Sonnenwind und damit zu einer stärkeren Ablenkung der geladenen Teilchen aus der kosmischen Strahlung. Das heißt, weniger kosmische Strahlung erreicht die Erde. Daher stehen bei erhöhter Sonnenaktivität weniger sekundäre Neutronen zur Verfügung, sodass die Produktionsrate von ${}^{14}\mathrm{C}$ sinkt.
Die Sonnenaktivität schwankt mit einem Zyklus von ungefähr 11 Jahren. Ein Maximum, wie es für 2024–2025 erwartet wird, führt auch zu einer höheren Intensität von Polarlichtern. Dieser 11-Jahres-Zyklus (auch Schwabe-Zyklus genannt) wird überlagert von Schwankungen der Sonnenaktivität auf größeren Zeitskalen. So ändert sich die Sonnenaktivität auch mit einer Periode von 180 bis 210 Jahren (Suess- oder de Vries-Zyklus) – ein Zyklus, der den 11-Jahres-Zyklus gewissermaßen moduliert.
Auch Änderungen des Erdmagnetfeldes haben einen Einfluss auf die Produktionsrate von ${}^{14}\mathrm{C}$, da das Erdmagnetfeld ebenfalls vor kosmischer Strahlung schützt.
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Es gibt auch Faktoren, die einen direkten EInfluss auf die Konzentration von ${}^{14}\mathrm{C}$ in der Atmosphäre haben.
Vulkanausbrüche können die ${}^{14}\mathrm{C}$-Konzentration in der Atmosphäre direkt beeinflussen. Das dabei freigesetzte Kohlendioxid stammt aus geologischen Reservoiren der Erdkruste oder des Erdmantels und ist daher meist praktisch ${}^{14}\mathrm{C}$-frei, da der Kohlenstoff über sehr lange Zeiträume vom Austausch mit der Atmosphäre getrennt war und sein ${}^{14}\mathrm{C}$ inzwischen zerfallen ist.
Ein ähnlicher Effekt tritt bei der Verbrennung fossiler Ressourcen auf. Der hier emittierte Kohlenstoff ist ebenfalls nahezu frei von ${}^{14}\mathrm{C}$, und das Kohlendioxid aus fossilen Brennstoffen verdünnt daher die atmosphärische ${}^{14}\mathrm{C}$-Konzentration.
Ein weiterer anthropogener, externer Faktor ist der Einfluss auf den Neutronenfluss durch atmosphärische Kernwaffentests. Diese Tests erhöhten die Produktionsrate und die atmosphärische Konzentration von ${}^{14}\mathrm{C}$ erheblich und erzeugten den sogenannten „Bomb Pulse“. Während die überwältigende Mehrheit der atmosphärischen Tests in den 1950er und frühen 1960er Jahren von den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und dem Vereinigten Königreich durchgeführt wurde – und für diese Nationen durch den Atomteststoppvertrag von 1963 verboten wurden – setzte Frankreich die atmosphärischen Tests bis 1974 fort, und China führte seinen letzten atmosphärischen Test am 16. Oktober 1980 durch.
Vgl.
Graven, Heather and Keeling, Ralph F. and Rogelj, Joeri (2020): Changes to carbon isotopes in atmospheric CO2 over the industrial era and into the future, Global Biogeochemical Cycles, 34, e2019GB006170
https://doi.org/10.1029/2019GB006170
Wie wir wissen, nimmt die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre seit Jahrzehnten kontinuierlich zu.
Die Abbildung zeigt den zeitlichen Verlauf der atmosphärischen ${}^{14}\mathrm{C}$-Konzentration seit 1850.
Konzentration von in der Atmosphäre auf der Nordhalbkugel (NH), der Südhalbkugel (SH) und in den Tropen (Tropics) von 1850 bis heute. Quelle: Siehe oben. Lizenz: CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/).
Man kann den Höhepunkt, bekannt als der „Bomb Pulse“, deutlich erkennen, der durch oberirdische Atomtests verursacht wurde. Der dramatische Anstieg von ${}^{14}\mathrm{C}$ begann in den 1950er Jahren, als die Tests intensiviert wurden, und erreichte sein Maximum etwa in den Jahren 1963–1965.
Interessant ist aber nun auch, dass die Konzentration – abgesehen durch die „Störung“ in den 1950er und 1960er Jahren – seit mehr als einem Jahrhundert kontinuierlich abnimmt. Das hängt in der Tat damit zusammen, dass in jener Zeit stetig Kohlenstoff aus fossilen Brennstoffen in die Atmosphäre gelangt. Es handelt sich hierbei um „alten“ Kohlenstoff, der seit Jahrmillionen von der Atmosphäre abgeschnitten war (da es der Kohlenstoff aus abgestorbenen Pflanzen ist, die sich im Laufe der Zeit zu zu Erdöl oder Kohle umgewandelt haben) und daher keinen messbaren Anteil an ${}^{14}\mathrm{C}$ mehr enthalten kann. Man spricht hier vom ${}^{14}\mathrm{C}$-Suess-Effekt, benannt nach dem Chemiker Hans Suess (1909 – 1993). Da also immer mehr „fossiler“ Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangt, wird die Konzentration von ${}^{14}\mathrm{C}$ stetig verdünnt, selbst wenn die absolute Menge an Kohlendioxid zunimmt.
Streng genommen stammt Kohlenstoff aus Vulkanausbrüchen auch aus Quellen, in denen das ${}^{14}\mathrm{C}$ bereits zerfallen ist. Bei Vulkanausbrüchen handelt es sich jedoch um sporadische, individuelle Ereignisse. Es wurde keine Zunahme von Vulkanausbrüchen in den letzten Jahrzehnten beobachtet. Daher ist die Abnahme der ${}^{14}\mathrm{C}$-Konzentration nur durch den zunehmenden anthropogenen Eintrag von Kohlendioxid erklärbar.
Wer einen noch strengeren Beweis für den anthropogenen Ursprung des Kohlendioxids haben möchte, kann sich auch die Entwicklung der Konzentration von ${}^{13}\mathrm{C}$, einem anderen, stabilen Kohlenstoffisotop anschauen (siehe die oben zitierte Arbeit). Dieser Anteil nimmt auch stetig ab. Das erklärt sich dadurch, dass Pflanzen bei der Photosynthese das Isotop ${}^{12}\mathrm{C}$ leicht bevorzugen. Daher enthält fossiles Kohlendioxid einen geringeren Anteil an ${}^{13}\mathrm{C}$ als in der Atmosphäre. Vulkanisches Kohlendioxid hat diese Isotopenfraktionierung nicht mitgemacht. Daher ist die Abnahme der Konzentration von ${}^{13}\mathrm{C}$ der strenge Beweis, dass das zusätzliche Kohlendioxid in der Atmosphäre anthropogen ist und von der Verbrennung fossiler Ressourcen stammt. Gruß geht raus an die Klimaskeptiker!
Zurück zur Radiokarbonmethode. Alle die genannten Faktoren müssen bei der Radiokarbonmethode berücksichtigt werden, und es gibt Methoden, diesen Fehler herauszurechnen. Beispielsweise kann man die Radiokarbondatierung anhand von Baumring-Chronologien – siehe oben – kalibrieren. Daher findet man in Arbeiten, bei denen die Radiokarbonmethode verwendet wird, unterschiedliche Angaben zur Datierung: Das sogenannte \textit{konventionelle} ${}^{14}\mathrm{C}$-Alter beruht auf der Annahme, dass ${}^{14}\mathrm{C}$ über den gesamten Betrachtungszeitraum mit einer konstanten Rate produziert wurde. Das kalibrierte Datum wird in der Regel mit cal BP bezeichnet. BP steht für before present – wobei für present das Jahr 1950 steht. Das hat einerseits historische Gründe – in jenem Jahr wurde die Radiokarbonmethode standardisiert. Andererseits liegt jenes Jahr vor der dem Beginn großflächiger oberirdischer nuklearer Tests, die den ${}^{14}\mathrm{C}$-Gehalt der Atmosphäre stark veränderten.
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Für eine frühe Arbeit zur Datierung von „Ötzi“ (über Massenspektrometrie), vgl.
Bonani, Georges and Ivy, Steven D. and Hajdas, Irka and Niklaus, Thomas R. and Suter, Martin (1994): AMS $^{14}$C Age Determinations of Tissue, Bone and Grass Samples from the Öttztal Ice Man}, Radiocarbon, Vol. 36, No. 2, 247–250, DOI: 10.1017/S0033822200040534, Cambridge University Press
Für eine Einführung in die Methode, angewandt auf Ötzi, vgl.
Kutschera, Walter (2001), Radiocarbon Dating of the Iceman Ötzi with Accelerator Mass Spectrometry, VERA Laboratory, Institute for Isotope Research and Nuclear Physics, University of Vienna, Invited paper at the Workshop of the Nuclear Physics European Collaboration Committee (NuPECC) on Nuclear Science: Impact, Applications, Interactions, Dourdan, France, Special NuPECC Report (2001)
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Diese Analogie und Denkfigur mit dem offenen (lebende Pflanze) versus geschlossenen System (tote Pflanze) ist auch hilfreich für das Verständnis der Wirkungsweise anderer „geologischer Uhren“, die auf dem Zerfall anderer Isotope (beispielsweise des Urans) beruhen. Auch wenn dort das System ein anderes ist, so hängt die Funktionsweise als geologische Uhr damit zusammen, dass das System (bei der Uran-Blei-Datierung ein Mineral) von einem bestimmten Moment an von einem großen Reservoir getrennt und so vom Zufluss weiterer Mutter-Isotope getrennt wird. Dazu mehr in einem folgenden Artikel über das Alter der Erde.
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Bei pollenanalytischen Untersuchungen muss sehr viel manuelle Arbeit investiert werden: Nach einer chemischen Präparierung werden Schnitte aus dem Seesediment unter dem Mikroskop beobachtet und die unterschiedlichen Pflanzenpollen gezählt.
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Silva bedeutet auf Lateinisch Wald, nigra bedeutet schwarz.
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Auch andere Autoren gelangen zu einer ähnlichen Auffassung über die Vegetationsentwicklung und die Historie des menschlichen Einflusses im Schwarzwald.
Vgl. den Beitrag von Burkhard Frenzel ab S. 14 in
Lorenz, Sönke (2001): Der Nordschwarzwald: Von der Wildnis zur Wachstumsregion, Markstein Verlag, Filderstadt, ISBN: 9783935129015
Zur Entwicklung der Baumgrenze im Schwarzwald vgl.
Lang, Gerhard (2006): Late-glacial fluctuations of timberline in the Black Forest (SW Germany): A revised approach to a climatic reconstruction, Vegetation History and Archaeobotany 15, 373–375, DOI: 10.1007/s00334-006-0048-8
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Vgl. Lorenz, Sönke (2001): Der Nordschwarzwald: Von der Wildnis zur Wachstumsregion, Markstein Verlag, Filderstadt, ISBN: 9783935129015 ab S. 14.
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Es gibt Pollenarchive, die viel weiter in die Vergangenheit zurückreichen. So wurde beispielsweise im Moor Le Grand Pile in den Südvogesen ein Pollenarchiv erschlossen, mit dem sich ein Zeitraum abbilden lässt, der das gesamte vergangene Glazial, einschließlich des ihm vorangegangenen Interglazials (Eem-Warmzeit) abdecken. Es handelt sich hier um einen Zeitraum von 130.000 Jahren.
Vgl.
Helmens, Karin F. (2013): The Last Interglacial-Glacial cycle (MIS 5-2) re-examined based on long proxy records from central and northern Europe, Department of Physical Geography and Quaternary Geology, Stockholm University, Svensk Kärnbränslehantering AB TR-13-02
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In früheren Jahrhunderten standen keine Maschinen zur Verfügung, um gefälltes Holz vor Ort zu verarbeiten oder zu transportieren. Daher nutzte man das Wasser von Flüssen und Bächen, um die Stämme von höher gelegenen Bergorten hinunter in die Täler zu befördern. An bestimmten Stellen wurde das Bachwasser – oder, wie in diesem Fall, das eines kleinen Sees – aufgestaut und dann kurzzeitig abgelassen, um mit der Kraft des Wassers das Holz talwärts zu treiben.
Hierzu wurden an manchen Stellen sogenannte Schwallungen errichtet, an denen das Bachwasser (oder wie hier das des kleinen Sees) aufgestaut und dann kurzzeitig abgelassen werden konnte, um dann die Kraft des Wassers zu nutzen, um das Holz zu bewegen. Auf Karten des Schwarzwaldes finden sich viele Orte mit dem Namen Schwallung.
Der Text aus dem Simplicissimus legt nahe, dass dies auch am Mummelsee praktiziert wurde. In einem Artikel zur Oberacherner Dorfgeschichte gibt es Informationen zum Aufstauen des Mummelsees durch Daniel Kückh in den 1730er Jahren, um den Transport von Holz über die Acher zu ermöglichen: „weil die Acher bekanntlich in Seebach nicht genug Wasser führte, ließ Kückh den Mummelsee stauen und Schleusen errichten.“
Vgl.
Grimmelshausen lebte von 1622 – 1676, konnte davon also noch nichts wissen. Es ist aber bekannt, dass die Flößerei im Schwarzwald seit dem Mittelalter betrieben wurde.
Die frühesten Quellen zur Flößerei im Nordschwarzwälder Murgtal beispielsweise gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück. So ist auf dem Wappen der Stadt Gernsbach, von dem Abdrucke ab 1394 überliefert sind, eine fünfblättrige Rose der Grafen von Eberstein und darunter zwei Floßhaken, das Handwerkszeug der Flößer, abgebildet.
Vgl. Lorenz, Sönke (2001): Der Nordschwarzwald: Von der Wildnis zur Wachstumsregion, Markstein Verlag, Filderstadt, ISBN: 9783935129015, S. 9.
Das bedeutet, dass der Mummelsee bereits 100 Jahre vor den Maßnahmen von Daniel Kückh eine Rolle im Holzhandel spielte. Das heißt, der Text aus dem Simplicissimus deutet bereits Bezüge zu einsetzenden anthropogenen Landschaftsveränderungen an, die durchaus als Raubbau an der Natur bezeichnet werden dürfen. Das steht in einem bemerkenswerten Kontrast dazu, dass alte Gewerbe wie die Flößerei meist idealisiert dargestellt und romantisiert werden und als wichtig für den Bezug zu dem, was als Heimat bezeichnet wird, erachtet wird.
Einen weiteren Hinweis auf die Nutzung des Mummelsees in historischer Zeit gibt der Geologe Prof. Dr. Dieter Ortlam:
Aus der Oberacherner Dorfbuch (W. Teichmann 1934, Stadtarchiv Achern) sind so extrem trockene Sommer in den Jahren 1471 und 1534 überliefert, dass der Mummelsee sogar als natürlicher Stausee zur Niedrigwasser-Aufhöhung der Acher genutzt wurde, indem man seinen natürlichen Abfluss über die Endmoräne dieses würmeiszeitlichen Karsees aufgrabend stetig tieferlegte (Abb. 3 und 4). Auf diese Weise war ein konstanter Zufluss über (!)die Seebach (siehe Situationsplan der Sägemühle Bürck, Seebach, von 1841, Abb. 5) und die Acher gewährleistet, um die vielen lebenswichtigen Mühlräder des Achertales in Betrieb zu halten.
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Vgl. Lorenz, Sönke (2001): Der Nordschwarzwald: Von der Wildnis zur Wachstumsregion, Markstein Verlag, Filderstadt, ISBN: 9783935129015, S. 97:
Es waren gewaltige, fast unvorstellbare Holzmengen, die zur Deckung des Energiebedarfes damals auf der Murg transportiert wurden. Doch haben die extreme Nutzung durch Scheiterschläge und Holländerhiebe zu einer Waldverwüstung ohnegleichen geführt.
Hierbei meint „Scheiterschläge“ das Fällen von Brennholz und „Holländerhiebe“ das Schlagen großer, hochwertiger Bäume für den Schiffbau in Holland. Zur Geschichte der Flößerei im Schwarzwald und zur Waldgeschichte gibt es weitere Informationen auf der Seite der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, vgl.
Reinbolz, Andreas und Ludemann, Thomas (2004):, Wald- und Forstgeschichte im Schwarzwald, Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, Waldwissen.net