Im vorherigen Blogbeitrag haben wir den Begriff Tiefenzeit eingeführt und mit unserem menschlichen Zeithorizont kontrastiert. Wir werden uns nun Landschaftsveränderungen anschauen, die aus menschlicher Sicht langsam, im Vergleich zu geologischen Veränderungen aber schnell erfolgen. Dazu reisen wir in den Schwarzwald und in die Vogesen.
Im Schwarzwald und in den Vogesen gibt es insgesamt ungefähr 30 sogenannte Gletscherkarseen. (Mehr erfahren)
Diese Seen sind relativ klein, mit einem Durchmesser von höchstens 200 Metern, und haben einen fast kreisrunden Umriss. Der Wildsee im Nationalpark Schwarzwald ist einer davon.
Mondaufgang über dem Wildsee beim Ruhestein. Der See liegt in einem Bannwaldgebiet.
Entstehung der Gletscherkare und Karseen
Diese Seen sind Relikte der letzten Eiszeit.
Jene Phase der Erdgeschichte dauerte an die 100.000 Jahre lang an und ging vor etwa 12.000 Jahren zu Ende.
Auch innerhalb dieser Epoche gab es vergleichsweise wärmere und kältere Phasen, aber insgesamt war das Klima war es deutlich kälter als heute.
Zur Zeit maximaler Vereisung waren die höchstgelegenen Regionen des Schwarzwaldes und der Vogesen (diese erreichen Meereshöhen von rund 1500 Metern und liegen jeweils im Süden der beiden Gebirge) von mächtigen Gletschern bedeckt. Die Eiskappe war auf den höchsten Gipfeln – wie dem Feldberg im Schwarzwald – meist nur als dünne, einige Meter dicke Firnschicht ausgebildet. In den angrenzenden Tälern bildeten sich jedoch mehrere Hundert Meter mächtige Gletscher aus. Die Karte zeigt die Situation zu jener Zeit (mit freundlicher Genehmigung von Dr. Charlotte Prud'homme, Université de Lorraine).
Zentraleuropa während des letzten Vereisungs-Maximums vor ungefähr 21.000 Jahren. Gelbe Flächen stellen Gebiete aus Löss und Lössderivaten dar. Beige gefärbte Flächen kennzeichnen die trockenen Kontinentalschelfe. Quelle: Prud'homme, Charlotte and Fischer, Peter and Jöris, Olaf and Gromov, Sergey and Vinnepand, Mathias and Christine, Hatté and Vonhof, Hubert and Moine, Olivier and Vött, Andreas and Fitzsimmons, Kathryn (2022): Millennial-timescale quantitative estimates of climate dynamics in central Europe from earthworm calcite granules in loess deposits, Communications Earth and Environment, Vol 3. 2022, DOI: 10.1038/s43247-022-00595-3.
Die Karte zeigt die Ausbreitung der Inlandgletscher in Zentraleuropa während des letzten Vereisungs-Maximums vor ungefähr 21.000 Jahren. (Mehr erfahren)
Deutlich sind die Eiskappen von Südvogesen und Südschwarzwald zu erkennen. Zum Vergleich: Der Gletscher des Feldberg-Gebietes hatte ungefähr die Ausdehnung wie heutzutage der Hofsjökull auf Island.
Was auf dieser Karte großen Maßstabes nicht mehr aufgelöst ist: Im Nordschwarzwald war das Massiv der Hornisgrinde – das eine Meereshöhe von fast 1200 Metern erreicht und an dessen Südhang der Mummelsee liegt –, teilweise vereist. Von dort aus erstreckten sich ein oder zwei kleinere Talgletscher in östlicher Richtung. (Mehr erfahren)
An den anderen höheren Gipfeln bildeten sich – meist an den Nord- und Osthängen – einzelne Firnfelder aus. Das Eis schmolz dort auch in den Sommermonaten nicht vollständig ab und hobelte – vereinfacht ausgedrückt – Mulden ins Gestein, in denen sich nach dem Abschmelzen der Gletscher am Ende der Eiszeit Wasser sammelte. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hangs hatte das Eis in vielen Fällen Moränen aufgeschüttet. Diese bildeten Riegel (die Karriegel), die das Abfließen des Wassers verhinderten.
So entstanden die Gletscherkarseen. In der nach der Eiszeit folgenden Phase, einer Zwischeneiszeit, der wir den Namen Holozän gegeben haben, begann die Menschheit, sesshaft zu werden und städtische und technische Zivilisationen zu entwickeln.
(Mehr erfahren)
Der gesamte Teil der Menschheitsentwicklung, aus dem wir über schriftliche Überlieferungen verfügen, liegt im Holozän. Diese Zwischeneiszeit dauert heute noch an.
Folgendes Foto zeigt den Blick auf den Huzenbacher See im Nordschwarzwald.
Der Huzenbacher See.
Sehr schön ist die typische Geländeform am Ort eines Karsees zu erkennen: Der See liegt gewissermaßen wie auf einem Sessel gebettet, wobei die Rückenlehne – die Karwand (von deren höchster Stelle aus das Foto gemacht wurde) – von zwei angrenzenden Höhenrücken flankiert ist, die (vom Betrachter weg) in Talrichtung auslaufen.
Am Ende der letzten Eiszeit gab es im Schwarzwald und in den Vogesen viel mehr solcher Seen als heute. Allein im Nordschwarzwald soll es ungefähr 40 Karseen gegeben haben. Die meisten davon sind im Laufe des Holozäns verschwunden. Sie haben sich in einem natürlichen Prozess der Verlandung in ein Moor umgewandelt oder sind vollständig ausgetrocknet.
Unter Verlandung versteht man die Auffüllung stehender Gewässer mit organischem Material. Durch das langsame Wachstum von Wasserpflanzen verringert sich allmählich die freie Wasserfläche. Nicht selten bilden sich auf dem See schwimmende Inseln aus Torf und Moor, auf denen sich im Laufe der Zeit Sträucher und sogar Bäume ansiedeln können. Das ist auf dem Bild vom Huzenbacher See gut zu erkennen.
Auch die Geländemulden, die keine Seen (mehr) enthalten, haben sich bis heute erhalten. Die nach einer Seite hin offenen Mulden – Kare genannt – sind auf topografischen Karten gut zu erkennen.
Folgende Karte zeigt die Topografie in der Nähe des Huzenbacher Sees im Nordschwarzwald.
Topografische Karte der Umgebung des Huzenbacher Sees im Nordschwarzwald. Datenquelle für Reliefkarte: LGL, www.lgl-bw.de.
Die Karform erscheint auf der Karte wie ein nach Osten hin geöffneter Krater. Südöstlich des Huzenbacher Sees erkennen wir zwei weitere Geländemulden. Nach Fritz Fezer (Mehr erfahren) haben sich in diesen beiden Karen vor Jahrtausenden noch Seen befunden (dazu gleich mehr).
Ein interessantes Detail: Die Kare im Nordschwarzwald und in den Vogesen sind meist in nordöstlicher Richtung geöffnet. Das hat damit zu tun, dass auch schon während der letzten Eiszeit der Wind hauptsächlich aus westlicher Richtung, vom Atlantik her, wehte, und sich die Firnfelder daher an den östlichen Berghängen, auf der dem Wind abgewandten Seite, halten könnten.
Folgendes Foto zeigt den Blick in die auf der vorherigen Karte abgebildeten Mulde mit der Bezeichnung Kammerloch -- unmittelbar neben dem Huzenbacher-See-Kar. Der Boden des Kars trägt den Namen Schwarzmiss.
Blick hinunter ins Kammerloch-Kar.
Der Schwarzmiss-Karboden ist heute ausgetrocknet und mit Wald bewachsen.
Das folgende Foto zeigt den Schurmsee.
Der Schurmsee ist heute von dichtem Wald umgeben. Doch wie wir aus Pollenanalysen schließen können, war das nicht immer so gewesen.
Auch in der Nähe des Schurmsees gibt es es ein Kar, in dem sich möglicherweise einmal ein See befunden hat. Es trägt den Namen Blindsee, wie auf der folgenden Karte dargestellt.
Topografische Karte der Umgebung des Schurmsees im Nordschwarzwald. Datenquelle für Reliefkarte: LGL, www.lgl-bw.de.
Das folgende Foto wurde auf dem Karboden des Blindsees gemacht.
Auf dem heute ausgetrockneten Karboden des Blindsees (in der Nähe des Schurmsees).
Landschaftsveränderungen im Holozän
Der deutsche Geograph Fritz Fezer (1924 – 2018) hat die Kare und Karseen im Nordschwarzwald im Detail studiert und beschrieben. Basierend auf ausführlichen Geländeerkundungen klassifizierte er die Kare nach geomorphologischen Kriterien und dokumentierte dies in einer Arbeit im Jahre 1957. (Mehr erfahren)
Dabei schloss er beispielsweise aus dem Erhaltungsgrad der Karriegel wie wahrscheinlich es sei, dass ein mittlerweile ausgetrocknetes Kar in der Vergangenheit noch mit Wasser gefüllt war.
Die folgende Abbildung zeigt die geographische Lage der heute noch existierenden Karseen des Nordschwarzwaldes.
Gletscherkarseen im Nordschwarzwald, Stand heute. Datenquelle für Reliefkarte: LGL, www.lgl-bw.de. Angaben zu aktuellen und ehemaligen Karseen basieren auf Fezer, Fritz (1957): Eiszeitliche Erscheinungen im nördlichen Schwarzwald, Selbstverlag der Bundesanstalt für Landeskunde, und Woldstedt, Paul and Schwarzbach, Martin (Hrsg.) (1967): Eiszeitalter und Gegenwart: Jahrbuch der Deutschen Quartärvereinigung, Volume 18, Hohenlohe'sche Buchhandlung Ferd. Rau. Öhringen, Württemberg.
Die Größe der Punkte ist symbolisch und nicht maßstabsgetreu; sie sagt nichts über die reale Ausdehnung des jeweiligen Sees (umfasst im Wesentlichen Kare der Gruppe 10 nach Fezer (1957)).
Die folgende Abbildung gibt die Situation wieder, wie sie sich mutmaßlich im frühen Holozän, vor vielleicht 8000 Jahren, darstellte.
Gletscherkarseen im Nordschwarzwald, die zu Beginn des Holozäns existiert haben. Datenquelle für Reliefkarte: LGL, www.lgl-bw.de. Angaben zu aktuellen und ehemaligen Karseen basieren auf Fezer, Fritz (1957): Eiszeitliche Erscheinungen im nördlichen Schwarzwald, Selbstverlag der Bundesanstalt für Landeskunde, und Woldstedt, Paul and Schwarzbach, Martin (Hrsg.) (1967): Eiszeitalter und Gegenwart: Jahrbuch der Deutschen Quartärvereinigung, Volume 18, Hohenlohe'sche Buchhandlung Ferd. Rau. Öhringen, Württemberg.
Die Größe der Punkte ist symbolisch und nicht maßstabsgetreu; sie sagt nichts über die reale Ausdehnung des jeweiligen Sees (umfasst im Wesentlichen Kare der Gruppe 10, Gruppe 9 und Gruppe 8 nach Fezer (1957)).
Auch wenn es schwierig ist, historische Belege zu bereits verschwundenen Seen zu finden, so spielt die menschliche Erinnerung und das von einer Generation zur nächsten weitergegebene Wissen eine gewisse Rolle bei der Rekonstruktion der Landschaftsgeschichte.
Daher zog Fezer nicht nur geomorphologische Kriterien in Betracht, sondern auch historische Aspekte. Um abzuschätzen, welche der zu Beginn des Holozäns vorhandenen Seen noch in historischer Zeit existierten (also in der Zeit, aus der wir Dokumente zu historischen Ereignissen verfügen wie beispielsweise zu mittelalterlichen Besiedlungsaktivitäten), schaute er sich auch die Namen der Waldgelände an, in denen die Kare liegen. Wenn diese ein Wort enthielten, das auf die Anwesenheit von Wasser schließen ließ, wie beispielsweise 'Weiher' oder '-See', deutete dies seiner Ansicht nach darauf hin, dass noch zu historischer Zeit ein See existierte, der aber mittlerweile verschwunden ist.
(Mehr erfahren)
So schreibt Fezer im Jahre 1957 (Mehr erfahren):
Einen besonderen Reiz des Schwarzwalds bilden seine stillen, dunklen Seen. Tief in die bewaldeten Berghänge eingesenkt, verborgen und weitab von Straßen und Dörfern, überraschen sie den Wanderer, nachdem er sich an den unendlichen Buntsandsteinhöhen sattgesehen hat. In ähnlichen Nischen findet er wenigstens im Frühjahr noch kleine Wasserlachen. Auf der Karte stehen dann Bezeichnungen wie 'Blinder See' oder 'Weiher'. Sie zeigen ihm, daß hier noch vor wenigen Jahrhunderten ein See bestand. In anderen Kesseln steht auf der Karte die Bezeichnung 'Misse', die 'sumpfige Stelle' bedeutet. Die Moore sind aber heute fast alle entwässert und mit Fichten bepflanzt.
Auf topographischen Karten des Schwarzwaldes findet man viele Gebiete, deren Namen das Wort 'misse' beinhalten. Der Ursprung des Wortes liegt, wie Fezer schreibt, möglicherweise im Wort 'Moos' oder auch im frühneuhochdeutschen '-miss' in der Wortbedeutung von 'schlecht' oder 'mies'. Siehe Frühneuhochdeutsches Wörterbuch online unter https://fwb-online.de/.
Darüber hinaus kommt in seiner Arbeit dem Aspekt der menschlichen Erinnerung eine gewisse Bedeutung zu – beispielsweise an einer Stelle, an der er über das zu seiner Zeit bereits ausgetrocknete Kar Alter Weiher bei Freudenstadt wie folgt berichtet (Mehr erfahren):
In der Beschreibung des Oberamts Freudenstadt von 1858 wird er unter den verlandeten 'amphitheatralisch umschlossenen Muldenseen' aufgeführt und als 'nur noch mit Moos bewachsener Moorgrund' bezeichnet. Doch erzählte mir ein älterer Mann in Reinerzau, daß noch in seiner Jugend eine etwa 10 $m^2$ große Lache offen gewesen sei. Heute ist diese auf 1 $m^2$ zusammengeschrumpft und mit Bohlen überdeckt.
Der 'ältere Mann', von dem Fritz Fezer in seiner 1957 erschienenen Arbeit berichtet, hat seine Jugend vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts erlebt.
Der Botaniker Gerhard Lang (1924 – 2016) schreibt über den Alten Weiher (auf Fritz Fezer Bezug nehmend) (Mehr erfahren):
Der einsam gelegene und schwer zugängliche Alte Weiher stellt nach Fezer (1957) eines der schönsten Kare des Nordschwarzwalds dar, jedenfalls aus geomorphologischer Sicht, mit geradezu klassischer Ausbildung einer halb kreisförmigen Karwand und eines stauenden Karriegels mit Schürze.
Unter Bezugnahme auf den Hydrogeographen Wilhelm Halbfaß (1856 – 1938) fährt Gerhard Lang fort:
Der Moorboden sei 'heute noch so schwammig, dass eine sieben Meter lange Stange sich mühelos.hineinstoßen lässt und ein weidendes Rind noch vor zwanzig Jahren darin versunken sein soll'.
Aussagekraft der frühen Arbeiten zur Karforschung
Ich habe mich bisher im Wesentlichen auf die doch schon relativ alte Arbeit von Fritz Fezer bezogen. Ohne seine große Leistung auch nur im Geringsten relativieren zu wollen, so ist jedoch aus heutiger Sicht eine Anmerkung angebracht.
Um zu beurteilen, ob in einem Kar in historischer oder vorhistorischer Seit noch ein See existiert hat, zog Fezer Kriterien aus ganz unterschiedlichen Disziplinen in Betracht: Geomorphologie, Ortsnamensforschung, sowie die persönliche Erinnerungen von Einheimischen. Ich bin seiner Argumentation gefolgt und habe versucht, die Plausibilität seiner Schlussfolgerungen darzustellen.
Im Interesse der wissenschaftlichen Sorgfalt sollte jedoch betont werden, dass diese plausiblen Schlussfolgerungen keinen hinreichenden Beweis dafür liefern, dass in einem bestimmten Kar während historischer oder prähistorischer Zeit ein See existierte.
Um diese Frage für ein Kar verlässlich zu beantworten, müssten am Karboden Sedimentbohrungen durchgeführt werden. Der Nachweis lakustriner Sedimente, insbesondere von Warven, stellt einen sehr starken Hinweis auf die Existenz eines Sees in früherer Zeit dar.
Nach meinem Kenntnisstand wurden solche Untersuchungen nicht für alle Kare im Schwarzwald und in den Vogesen durchgeführt. Die Frage kann daher derzeit noch nicht mit eindeutigen Nachweisen beantwortet werden, und die oben dargestellten Karte (die die Situation zu Beginn des Holozäns zeigt) sollten als plausible, letztlich jedoch unbewiesene Hypothese betrachtet werden.
In diesem Zusammenhang bedanke ich mich bei dem Geologen und Geomorphologen Dr. Felix Martin Hofmann von der Universität Freiburg im Breisgau für die großzügige Bereitstellung seiner Erkenntnisse im Rahmen einer persönlichen Mitteilung. (Mehr erfahren)
Im folgenden Blogpost lernen wir die Gletscherkarseen als Landschaftsarchive kennen.
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Ein **Karsee** ist ein See, der sich in glazial geformten Karen bildet und häufig durch Moränen aufgestaut wird.
Ich beziehe mich bei der Zählung der Karseen auf Woldstedt, Paul and Schwarzbach, Martin (Hrsg.). (1967): Eiszeitalter und Gegenwart: Jahrbuch der Deutschen Quartärvereinigung, Volume 18, Hohenlohe'sche Buchhandlung Ferd. Rau, Öhringen, Württemberg, S. 53
Danach gibt es in den nördlichen Vogesen (nordwestlich des Bruche-Tals) einen Karsee (den Lac de la Maix), in den Südvogesen 12 (darunter die bekannten Seen Lac Vert und Lac Blanc an der Roudes des Crêtes), im Südschwarzwald einen Karsee (den Feldsee am Nordhang des Feldberges) und im Nordschwarzwald 6 Seen (darunter der Mummelsee). Genau genommen findet man im Nordschwarzwald 8 Seen, zwei davon sind aber nur deshalb erhalten, weil sie in historischer Zeit aufgestaut wurden. Darauf kommen wir in einem späteren Teil zu sprechen.
× Die Arbeit, aus der die Figur entnommen wurde, befasst sich mit der Temperaturentwicklung in der Zeit von 45.000 bis 22.000 Jahren vor der Gegenwart. Hierzu wurden fossile Regenwurm-Kalzitsgranulate aus Löss-Sedimenten an den eingezeichneten Standorten untersucht.
Fossile Kalkgranulate von Regenwürmern sind an der Bodenoberfläche ausgeschiedene Kalzitgranulate verschiedener Regenwurmarten. Sie bestehen aus stabilen Kalzitkristallen, die chemisch und strukturell weitgehend unverändert erhalten bleiben, auch nachdem sie im Sediment eingebettet wurden. Darüber hinaus verlagern sie sich in Löss nur wenig vertikal. Daher sind sie als Klima-Proxies sehr gut geeignet.
Für die Radiokarbondatierung (die ich im nächsten Blogpost erkläre) sind diese Granulate ideal, da der bei der Bildung eingeschlossene Kohlenstoff nach der Ausscheidung vom Reservoir der Atmosphäre isoliert wird und von dem Moment an die Radiokarbon-Uhr zu ticken beginnt. Die Konzentrationsverhältnisse der stabilen Sauerstoffisotope ${}^{16}\mathrm{O}$ und ${}^{18}\mathrm{O}$ beziehungsweise der stabilen Kohlenstoffisotope ${}^{12}\mathrm{C}$ und ${}^{13}\mathrm{C}$ wiederum geben Aufschluss über die während der Ablagerung einer Lössschicht vorherrschenden Temperatur und mittleren Niederschlagsmenge.
Vgl. Prud'homme, Charlotte and Fischer, Peter and Jöris, Olaf and Gromov, Sergey and Vinnepand, Mathias and Christine, Hatté and Vonhof, Hubert and Moine, Olivier and Vött, Andreas and Fitzsimmons, Kathryn (2022): Millennial-timescale quantitative estimates of climate dynamics in central Europe from earthworm calcite granules in loess deposits, Communications Earth and Environment, Vol 3, DOI: 10.1038/s43247-022-00595-3
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Man bezeichnet eine solche Phase stärkerer Vereisung als Glazial, wärmere Phasen hingegen als Interglazial. Von einer Zwischen-Eiszeit sprechen wir aus folgendem Grund: Paläoklimatologische Befunde sprechen dafür, dass das Erdklima in einigen Jahrtausenden wieder in eine Glazialphase wandert. Seit ungefähr 2.6 Millionen Jahren (in der Pleistozän genannten Epoche der Erdgeschichte) wechseln Glazial-Phasen und Interglazial-Phasen einander ab. Diese Entwicklung hängt mit langperiodischen Schwankungen von Erdbahnparametern zusammen, die für eine veränderte Sonneneinstrahlung auf der Erde sorgen. Wenn man von dem derzeit durch Menschen verursachten Anstieg der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre absehen würde, würde sich dieses zeitliche Muster in der Zukunft fortsetzen. Allerdings müssen wir davon ausgehen, dass durch die anthropogenen Treibhausgasemissionen das Erdklima so stark beeinflusst wird, dass die nächste Eiszeit weit nach hinten verschoben wird oder gar ganz ausbleibt.
Vgl. Ganopolski, A. and Winkelmann, R. and Schellnhuber, H. J. (2016): Critical insolation-CO2 relation for diagnosing past and future glacial inception, Nature, Vol. 529, 200–203. DOI: 10.1038/nature16494
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Vgl. Fezer, Fritz (1957): Eiszeitliche Erscheinungen im nördlichen Schwarzwald, Selbstverlag der Bundesanstalt für Landeskunde, S. 22
[https://e-docs.geo-leo.de/entities/publication/2b5f9138-0e6a-4154-96a5-bde0923a75e6](https://e-docs.geo-leo.de/entities/publication/2b5f9138-0e6a-4154-96a5-bde0923a75e6)
Ich möchte Ihnen eine andere schöne Episode aus Fezers Arbeit nicht vorenthalten. Über seine Erkundungen des Nonnenstein-Kars bei Alpirsbach berichtet Fezer, dass die Geländeform des Kars besondere akustische Eigenschaften aufweise (Mehr erfahren):
Die Talhänge außerhalb des Kars sind zwar auch 30$^{\circ}$ steil, so daß man von keiner Versteilung der Wand sprechen kann; aber die Wand schwingt so schön gerundet zurück, daß auf einer Exkursion ein Musikstudent die Nische als 'ideale Lage für ein Freilichttheater' bezeichnete.
Fezer, Fritz (1957): Eiszeitliche Erscheinungen im nördlichen Schwarzwald, Selbstverlag der Bundesanstalt für Landeskunde, S. 25
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Vgl. Lang, Gerhard (2005): Seen und Moore des Schwarzwaldes - als Zeugen spätglazialen und holozänen Vegetationswandels. Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe, Herausgegeben von Trusch, R. und Wirth, V., Karlsruhe, Gestaltung und Druck: Guide Druck GmbH, Tübingen, S. 26
Hierin bezieht er sich unter anderem auch auf den Hydrogeographen Wilhelm Halbfaß (1856 – 1938).
×In einer Arbeit aus neuerer Zeit wurden in einem Untersuchungsgebiet an der Grenze von nördlichem und mittlerem Schwarzwald (bei Bad Rippoldsau) Karformen untersucht. Das Team um Dr. Felix Martin Hofmann von der Universität Freiburg kombinierte hierbei vorliegende, hochaufgelöste Geländemodellen mit eigenen Geländebegehungen. Die hochaufgelösten Geländemodelle basieren auf der LiDAR (Light Detection and Ranging)-Fernerkundungstechnik. Hierbei wird das Untersuchungsobjekt (in diesem Falle das Gelände) von einem Flugzeug aus mit gepulstem Laserlicht bestrahlt. Ähnlich wie beim Radar wird dann die Zeit gemessen wird, die vergeht, bis die vom Gelände reflektierte Strahlung detektiert wird. Bei LiDAR nutzt man hierbei Laser-Licht im sichtbaren Frequenzspektrum. Durch wiederholte Laserimpulse über eine große Fläche wird eine sehr große Anzahl von Laufzeitmessungen des Laserlichtes gesammelt und zu einem dreidimensionalen Modell des angestrahlten Geländes verarbeitet.
Dr. Hofmann und sein Team konnten dadurch im Untersuchungsgebiet die bereits in den 1950er und 1960er Jahren dokumentierten Karformen bestätigen, als auch neue Kare identifizieren.
Dr. Hofmann und Kollegen haben in dieser Arbeit unter anderem das Teufelsries-Kar (bei Bad Rippoldsau, nicht weit vom Glaswaldsee) untersucht. Zu diesem Kar haben Adolf Zienert und Fritz Fezer (1967) und Fritz Fezer (1971) die Schlussfolgerung gezogen, dass es dort vorübergehend einen kleinen, durch eine Moräne aufgestauten See gegeben haben müsse. Sie begründeten ihre These mit dem mutmaßlichen Fund von Seesedimenten (komprimierten, lehmig-tonigen Warven) mit einer Gesamtmächtigkeit von 1,5 bis 2 m in einem Aufschluss. Dr. Hofmann und Kollegen konnten diese Beobachtungen und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen bei einer Geländeerkundung im Jahr 2025 jedoch nicht bestätigen – auch aus dem Grunde, weil in den früheren Arbeiten von Adolf Zienert und Fritz Fezer die genaue Lage des Aufschlusses nicht angegeben wurde.
Fezer, Fritz (1971): Zur quartären Formung des Nordschwarzwaldes, Jahresberichte und Mitteilungen des Oberrheinischen Geologischen Vereins, 53, 183–194
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Die Bedeutung von Ortsnamen zur Rekonstruktion von Landschaftsveränderungen schätzt Fritz Fezer wie folgt ein:
Nischen, bei denen der Waldabteilungsname das Wort 'See', 'Weiher' oder 'Wasser' enthält, wurden als Gruppe 9 zusammengefasst. Da der Schwarzwaldrand erst um 700 n. Chr., der eigentliche Schwarzwald erst nach 1000 etwas besiedelt wurde ..., können die Waldnamen höchstens 1300 Jahre alt sein. Damals sind also in diesen Nischen noch Seen gewesen.
Der Ausdruck 'Weiher' wird zwar heute nur für künstliche Seen gebraucht, einst aber für alle für die Flößerei nutzbaren Seen. So wird in Öttingers Landbuch von 1624 der Wildsee ein 'selbstgewachsener Weiher' genannt ... In einigen Karböden steht auch heute noch etwas Wasser, So im Blindsee II und im Alten Weiher, in manchen nassen Frühjahren auch im Blindsee I, im Seeberg und im Großen Biberkessel.
Vgl. S. 21 in:
Fezer, Fritz (1957): Eiszeitliche Erscheinungen im nördlichen Schwarzwald, Selbstverlag der Bundesanstalt für Landeskunde
Zur Geschichte der Ortsnamen im Schwarzwald, vgl. auch
Jänichen, Hans (2026): Historischer Atlas von Baden-Württemberg: Beiwort zu den Karten 4, 1–2, Der alemannische und fränkische Siedlungsraum, Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg
Es wird davon ausgegangen, dass die Ortsnamen im Schwarzwald frühestens aus der Zeit des Frühmittelalters stammen. Pollenanalytische Untersuchungen zeigen, dass menschliche Eingriffe wie Entwaldung schon weitaus früher, bis in die Eisenzeit nachgewiesen werden können. Diese haben aber nicht unbedingt prägenden Einfluss auf die heute noch verwendeten Ortsnamen gehabt. Vermutlich wurde in so früher Zeit der Wald nur lokal von einzelnen Gruppen genutzt, während dessen planmäßige Erschließung -- durch Hof- und Dorfgründungen und Umwandlung von Waldflächen in Acker-, Wiesen- und Siedlungsland -- erst mit dem Frühmittelalter einsetzte.\par
Hans Jänichen schreibt dazu:
Da andere sprachliche und schriftliche Quellen vereinzelt erst um 700, in größerem Maße sogar erst um 800 einsetzen und zwischen 900 und 1050 wieder weitgehend versiegen, sind die ON neben den Reihengräberfriedhöfen die wichtigsten Zeugen für die Zeiten, in denen eine schriftliche Überlieferung fehlt.
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Vgl.
Hofmann, F.M. (2025): Landscape Evolution of the Black Forest: From the Variscan Orogeny to the Modern Era, in: Lehmkuhl, F., Böse, M., Krautblatter, M. (eds) Landscapes and Landforms of Germany, World Geomorphological Landscapes. Springer, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-031-77876-6_17
Fezer F, Günther W, Reichelt G (1961) Plateauverfirnung und Talgletscher im Nordschwarzwald. Abhandlungen der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft 13:66–72